Im Nationalpark Hohe Tauern

Shownotes

Von saftigen Almwiesen direkt ins noch vereiste Hochgebirge – und das in nur wenigen Stunden! Der Nationalpark Hohe Tauern ist ein Abenteuer zwischen Klimazonen und echten Überlebenskünstlern. Lisa erkundet mit Nationalpark-Rangerin Caroline Führer das Gschlösstal, trifft auf flinke Gämsen, zähe Gletscherpflanzen und Tirols imposante Greifvögel: Bartgeier und Gänsegeier. Doch die Natur hier verändert sich rasant – Gletscher schmelzen, neue Pflanzen breiten sich aus, und so mancher tierische Bewohner muss sich anpassen. Und wie wurde aus diesem wilden Fleck eigentlich Österreichs größter Nationalpark? Tourismus, Seilbahnen, Kraftwerke – viele hatten große Pläne, aber 1971 gewann der Naturschutz. Doch wie konnte er sich durchsetzen? Dazu gibt’s noch ein paar Tipps für das perfekte Abenteuer im Nationalpark: Wann sieht man am ehesten einen Bartgeier? Was muss in den Rucksack? Und warum ist eine geführte Rangertour die beste Wahl? Eine Folge voller wilder Natur, echter Grenzgänger und einer Landschaft, die sich ständig verändert.

Jetzt reinhören in Hörausflüge – Der Tiroler Reisepodcast mit Lisa & Klaus!

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Lisa: Hörausflüge!

Klaus: Der Tirol-Podcast. Ja, hallo und herzlich Willkommen zu einer neuen Folge von 'Hörausflüge – dem Tirol-Podcast'. Wir nehmen euch hier mit auf die kleinen und großen Abenteuer, die es in Tirol zu erleben gibt. Mein Name ist Klaus Brunner.

Lisa: Und ich bin Lisa Prantl. Für diese Episode wagen wir uns an die wilden Grenzen Tirols.

Klaus: Ja, aber das hat nichts mit den Staats- oder Landesgrenzen zu tun, die bei der Größe Tirols auch nie allzu weit entfernt liegen.

Lisa: Ich habe mich für diese Episode aufgemacht in den Nationalpark Hohe Tauern, den größten Nationalpark der Alpen, und wollte dort mehr über die wilde Natur Tirols erfahren.

Klaus: Die Hohen Tauern gehören ja sicher zu den großartigsten Hochgebirgslandschaften der Erde. Von den Tälern bis zu den Gipfelregionen der Dreitausender gibt es einen außergewöhnlichen Artenreichtum. Ganz oben in Eis und Gestein fühlen sich aber nur wirkliche Spezialisten wohl, nennen wir sie mal die Grenzgänger.

Lisa: Über die verschiedenen Höhenstufen, vom Tal bis auf die Gletscher, leben im Nationalpark viele Pflanzen und Wildtiere, die ursprünglich aus den zentralasiatischen Kältesteppen, aus der Arktis oder auch aus Südeuropa stammen.

Klaus: Der Nationalpark dehnt sich über Tirol, Salzburg und Kärnten aus und seine Aufgabe ist es, dieses einzigartige Ökosystem zu schützen, zu erforschen und auch das Wissen an die nächsten Generationen weiterzugeben.

Lisa: Ich habe mich mit Nationalpark-Rangerin Caroline Führer beim Matreier Tauernhaus in Osttirol getroffen, um ins Gschlösstal zu wandern. Das ist eine wirklich wunderschöne und auch einfache Wanderung, die man zum Beispiel mit der ganzen Familie gut bewältigen kann. Und obwohl es nicht sehr weit ist, hat man in ein paar Stunden, die wir unterwegs waren, trotzdem diese unberührte Natur erleben und spüren können. Zum Einstieg in unsere Wanderung und unser Gespräch habe ich Caroline gefragt, warum genau dieser Fleck der Alpen so besonders schützenswert ist.

Caroline Führer: Wir sind eben wirklich ein Hochgebirgsnationalpark und sind da in einem Lebensraum von Extremen. Das heißt, wir haben da sehr viele besondere, spezialisierte Tier- und Pflanzenarten. Und die sind natürlich besonders schützenswert, denn die finden nicht überall einen Lebensraum. Ja, das ist was ganz, ganz Besonderes. Es ist aber auch einfach diese Größe des Schutzgebietes, wir haben da viele Tier- und Pflanzenarten. Wir haben auch fliegende Tiere. Wir haben da Bartgeier, Steinadler drin, die viel Raum brauchen. Das heißt, wir schützen da von der Größe des Nationalparks ein ganzes Ökosystem. Und wir gehen auch grenzübergreifend in andere Schutzgebiete über. Also, wir können diese Tier- und Pflanzenarten nur schützen, wenn wir so einen großen Raum haben. Und das ist aber auch gleich dann schon ganz viel mit der Entstehungsgeschichte des Nationalparks verknüpft, dass wir da so einen großen Naturraum, der nicht durch etwas anderes genutzt ist, sei das die Energiewirtschaft, sei das Gletscherskigebiete, Ausflugsstraßen, wo man entlangfahren kann und das Hochgebirge genießen. Da bei uns ist eben einfach der Naturraum als Schutzgebiet definiert. Und das ist was ganz Besonderes. Und dort kann der Mensch noch hineingehen und einen unberührten Naturraum erleben.

Lisa: Ja, und dann sind wir losgewandert, um, wie Caroline sagt, die Natur zu erleben. Wir haben nicht den Fahrweg, sondern einen Steig über die Hohe Achsel gewählt. Und ich muss gleich spoilern, den von Caroline angesprochenen Bartgeier haben wir später sogar entdeckt und durchs Fernglas beobachten können. Das war total beeindruckend für mich, weil man einfach mit freiem Auge schon sieht, was da für ein riesiges Tier durch die Luft zieht. Aber dazu später mehr, erst mal zurück zu unserer Wanderung. Wir sind jetzt über einige Treppen hier aufgestiegen. Unter uns rauscht der Gschlössbach. Wo sind wir denn jetzt ganz genau? Das ist jetzt ein bisschen eine Grenze hier im Nationalpark.

Caroline Führer: Genau, also wir sind da jetzt auf die Hohe Achsel gestiegen. Und da ist eben genau diese Grenze, wo wir in den Nationalpark hineinkommen. Also wenn man über den Fahrweg spaziert, dann ist das das Außergschlöss. Da sieht man auch das schöne Portal. Und wir stehen da direkt an der Hohen Achsel vor dem Schild, wo auch die Nationalpark Außenzone ausgewiesen ist. Also das heißt, die Außenzone, das ist diese Zone des Nationalparks, wo wir dann noch in die naturnahe Almbewirtschaftung hineinkommen. Also es ist so wie, man muss sich das vorstellen, wie eine Pufferzone. Und von der Außenzone, wo wir eben wirklich noch diese traditionelle Almbewirtschaftung haben und auch fördern, wo also noch ein menschengestalteter Naturraum ist, dann geht es weiter hinein bis in die Naturzone. Das ist bei uns die Kernzone und da steht dann wirklich der Naturschutz im Vordergrund. Und diese Kernzone ist dann aber oft auch eben wirklich weiter oben, oberhalb der Baumgrenze, wo man dann einfach ganz, ganz schnell in diese Extremen hineinkommen, wo man dann im Hochgebirge unterwegs sind.

Lisa: Die Natur verändert sich ja, hier im Nationalpark sieht man es wahrscheinlich noch deutlicher, aber auch auf jeden anderen Berg sieht man es, wenn man so langsam weiter und weiter nach oben wandert, verändert sich einfach die Umgebung. Was mir jetzt natürlich aufgefallen ist, hier lichtet sich jetzt der Wald. Wir sind vorher durch den Wald gewandert. Du hast vorhin gemeint, so eine Wanderung den Berg hoch ist auch ein bisschen in den verschiedenen Zonen wie eine Reise in den Norden. Da will ich natürlich mehr drüber wissen.

Caroline Führer: Ja, diese Reise in den Norden, die Reise von Mitteleuropa bis in die Arktis, also über mehrere tausend Kilometer, die kann man tatsächlich bei uns auf einer Bergwanderung sozusagen miterleben. Weil wir einfach über diese Erklimmung der Höhe in verschiedene klimatische Bereiche hineinkommen. Und jeder hat einmal die Baumgrenze für sich wahrgenommen. Das ist einfach sehr leicht zu erkennen, wobei die auch manchmal menschengemacht ist. Das müssen wir noch so im Hinterkopf behalten. Durch die Rodung auf den Almflächen haben wir die Baumgrenze eigentlich oft einmal nach unten verlegt. Jetzt ist sie da auf der Südseite der Hohen Tauern normalerweise so auf 2200 Höhenmetern. Wir haben aber noch einzelne Bäume bis auf 2400 oder sogar noch knapp drüber inzwischen. Und diese Reise in die Arktis ist dann bei uns bis zum Gletscher sozusagen. Aber diese Reise in die Arktis durch diese verschiedenen klimatischen Zonen sind bei uns natürlich schon etwas anders, weil es bei uns viel gestauchter ist. Ja, wir haben von der Sonneneinstrahlung natürlich oben auf dem Berg nicht das gleiche wie wenn wir auf der Arktis, wenn wir auf der Arktis unterwegs wären.

Lisa: Also man kann jetzt auch nicht sagen, zum Beispiel das Stück zwischen Baumgrenze und dann wirklich Berggipfel, wo man dann oft eine Zeit lang viele Sträucher hat, die Almrosen oder vielleicht Heidelbeer, wilde Heidelbeersträucher, dass das dann eigentlich irgendwie vielleicht Norwegen wäre. Kann man sich das irgendwie bildlich so vorstellen?

Caroline Führer: Kann man sich schon vorstellen. Ich persönlich bin jetzt leider noch nie in Norwegen gewesen, aber man hat natürlich schon so Bilder vor Augen von dieser Heidelandschaft, von den Moorlandschaften auch. Und da gibt es durchaus sehr, sehr viele Ähnlichkeiten. Und wir haben zum Teil ja auch die gleichen Tiere und Pflanzen da. Das hat alles mit der Klimageschichte zu tun. Denn viele Tiere und Pflanzen sind da bei uns angekommen nach der letzten großen Eiszeit. Also vor 20.000 Jahren. Zum Beispiel der Tannenhäher, den wir da jetzt auch immer wieder drüberfliegen sehen, der da viel unterwegs ist. Das ist ein Vogel, den haben wir genauso auch oben in Skandinavien.

Lisa: Spannend, ich habe ihn noch nicht entdeckt, aber das ist ja immer das Schwierige, wenn man wandert, man ist oft beschäftigt und unterhält sich viel mit den Freunden oder der Familie, mit denen man unterwegs ist und nimmt vielleicht einiges, was in der Umgebung lebt oder wächst, gar nicht so wahr. Wir waren jetzt gerade im Wald, sind so ein bisschen in der Übergangsphase, wo sich der Wald lichtet. Was sind denn eigentlich die Bewohnerinnen und Bewohner dieser Zone? Wen könnte man theoretisch entdecken?

Caroline Führer: Ja, da so am Wald und Waldrand fällt natürlich jedem erst einmal so Reh und Hirsch ein. Das haben wir da auch. Und dann kommen wir aber oberhalb der Waldgrenze ganz schnell in einem Bereich, da sind wir dann wirklich schon bei Gams angekommen. Und Gamsen, sie sind eigentlich immer da. Also wir haben, wenn wir uns da jetzt auf die Berghänge umschauen würden, wirklich einmal mit einem Fernglas hinschauen, würden wir Gamsen entdecken, aber man muss halt ein bisschen Zeit mitbringen, ein bisschen auch suchen. Und da noch so in diesen Wald- und Waldrandbereichen, wir hören es jetzt vielleicht so ein bisschen im Hintergrund, Vogelgezwitscher. Wir haben natürlich ganz, ganz, ganz viele Vögel da drinnen. Ja, da hören wir jetzt die Meisen gerade. Wir haben aber auch zum Beispiel auch das Wintergoldhähnchen, gerade in diesen Fichtenwäldern noch drin. Ganz schön zum beobachten, wenn man das einmal sieht, das ist der kleinste Vogel, der kleinste Singvogel, der wiegt gerade einmal fünf Gramm, wie so eine Zwei-Euro-Münze auf der Hand, das wäre dann ein Wintergoldhähnchen, ganz schön anzuschauen. Und wir haben natürlich auch so diese typischen Waldtiere, den Marder, das Eichhörnchen, den Hasen. Wir haben die Mäuslein herumhuschen. Vorhin ist einmal eins über den Weg gehuscht. Und die finden alle einen Lebensraum in so einem Baum auf verschiedenen Etagen dann. Und manche eben unten am Erdreich und andere eben oben in den Baumwipfeln unterwegs.

Lisa: Ich würde sagen, dann packen wir unseren Rucksack wieder auf den Rücken und bin schon total gespannt, welche Aussicht uns hier, wenn wir gleich da um die Biegung kommen, erwartet.

Caroline Führer: Ja, gleich geht's auf. Also wir kommen dann da so aus dem Wald heraus und schauen in das Gschlösstal hinein und dann geht es auf einmal auf und wir sehen da im Hintergrund, man muss natürlich vom Wetter her auch das Glück haben, sehen wir wirklich bis oben auf die Gletscher hinauf, bis auf das Venedigermassiv und das ist ganz ein feiner, überraschender Ausblick, den man da plötzlich bekommt. Da freuen wir uns drauf.

Lisa: Ja, und der Ausblick war wirklich überwältigend, zumindest für mich. Ich war ja zum ersten Mal im Gschlösstal und so ein Gletscher ist eine ganz eigene Landschaft, die eben die meisten von uns nicht allzu oft sehen. Für die, die diesen Gletscher aber immer wieder sehen, überwiegen leider andere Eindrücke, wie mir Caroline erklärt.

Wow, der Gletscher hat sich gerade zum ersten Mal uns gezeigt. Wir sind um die Ecke gebogen und es schaut wirklich sehr beeindruckend aus. Man muss vielleicht dazu sagen, Caroline, wir haben das Glück, dass die letzten paar Wochen hier viel mehr Niederschlag war und zwar für den Sommer ein bisschen kühler. Da schaut richtig der frische Schnee runter. Man sieht die Strukturen im Eis. Wohin schauen wir denn da gerade genau?

Caroline Führer: Ja, wir schauen hoch auf das Schlatenkees und das Schlatenkees ist einer der Gletscher, wo es noch eine Gletscherzunge gibt und genau auf die schauen wir da oben jetzt. Das ist natürlich beeindruckend für jeden, der das zum ersten Mal sieht, aber es ist natürlich die Geschichte, also für die Einheimischen, die da jedes Jahr immer wieder schauen gehen und auch für uns Ranger, die regelmäßig oben unterwegs sind, sieht man, wie sehr er zurück geht.

Lisa: Wir wissen, in ganz Europa, auf der ganzen Welt ziehen sich die Gletscher zurück, sie schmelzen im Moment so schnell ab wie noch nie aufgrund des Klimawandels. Was beobachtet denn ihr hier ganz genau im Nationalpark Hohe Tauern?

Caroline Führer: Ja, wir haben natürlich als Ranger das Glück, dass wir da regelmäßig auch hochkommen. Und da kann man tatsächlich über einen Sommer schon die Veränderungen sehen, also fast wöchentlich. Dass das Eis oben wegbricht und die Zunge immer kürzer, aber auch immer schmaler wird. Das ist sehr, sehr auffällig für jeden, der jetzt nicht zum ersten Mal auf diesen Gletscher schaut. Und das macht einen schon irgendwo auch wehmütig. Und es ist aber auch ganz klar, einfach von den Aufzeichnungen her so, jetzt wird tatsächlich der Gletscher regelmäßig vermessen, den Gletscherbericht, den kann man ja auch abrufen, das wird jedes Jahr einfach bei den gleichen Gletscherflächen geschaut, was ist da passiert, letztes Jahr wieder einmal ein schlimmes Rekordjahr beim Schlatenkees mit 89,5 Metern Längenverlust und das, ja, das stimmt einen natürlich schon erst mal in so einem Menschenleben sehr wehmütig. Von der Klimageschichte her muss man natürlich auch dran denken, es hat es durchaus in der klimatischen Geschichte der Erde schon mehrfach gegeben, dass die Gletscher auch noch kleiner waren. Nur sind wir natürlich jetzt in einer Zeit, wo das so schnell passiert, wo dieser menschengemachte Klimawandel, sich einfach so schnell bemerkbar macht, dass Tiere und Pflanzen nicht mehr hinterher kommen, sich daran anzupassen.

Lisa: Das ist ja, das Hochgebirge, so schon ein extremer Lebensraum, jetzt ist er nochmal auch in Veränderung. Was sind denn das für Tiere und Pflanzen, die dort oben in diesen extremen Bedingungen überhaupt sich wohlfühlen? Vielleicht anfangen sich wohlzufühlen, weil es ein bisschen wärmer wird, weil das Eis langsam schwindet. Wie kann man sich das Leben im Hochgebirge vorstellen?

Caroline Führer: Das Leben im Hochgebirge ist ein Leben der Extreme. Ja, also es sind wirklich, du bist an der Grenze der Möglichkeiten. Die Tiere und Pflanzen, die da oben vorkommen, sei es jetzt eine Zirbe, sei es der Steinbock, sei es aber auch eine Pionierpflanze, die in den Schotterfluren im Gletschervorfeld vorkommt, die sind einfach an dieser Grenze der Vegetationsmöglichkeiten, dass man da überhaupt eine Nahrung findet, Nährstoffe bekommt, dass man da genügend Wärme hat, genügend Sonnenlicht hat. Aber andersherum auch an der Grenze, dass man zu viel UV-Strahlung hat, dass man zu viel Wind hat, dass man zu viel Kälte hat oder auch zu viel Hitze, also ganz, ganz viele Grenzen, die da oben stattfinden und sehr, sehr spannend, sich das einmal anzuschauen.

Klaus: Und wenn man jetzt näher an den Gletscher, also in die Hochgebirgslandschaft möchte, dann kann man das über den Gletscherweg Innergeschlöss machen, oder?

Lisa: Genau, also der würde quasi unsere Wanderung bis zum Talschluss fortsetzen, man würde nochmal 500 Höhenmeter zum Salzbodensee aufsteigen und könnte dann bis zum Gletschertor des Schlatenkees am Fuße des Großvenedigers weiter wandern.

Klaus: Wow, das klingt super. Wie ging es bei eurer Wanderung weiter dann?

Lisa: Ja, uns hat der Weg weitergeführt. Man hat es vielleicht im Hintergrund schon gehört, an ein paar Kühen vorbei und auch Bergziegen waren da noch unterwegs. Und wir sind in einen Wald gekommen, wo so riesengroße Felsblöcke waren, die wirklich schon überwachsen waren mit Mosen und Sträuchern und sogar Latschen waren da schon drauf. Und ich war ganz verzaubert irgendwie von diesem verwunschenen Wald, bis die Caroline stehen geblieben ist und ganz schnell ihr Fernglas aus dem Rucksack gezogen hat, weil sie eben über uns sehr, sehr große Vögel entdeckt hat.

Wir sind jetzt da gerade stehen geblieben, unglaublich, aber wahr, über uns kreisen vier große Vögel. Wir haben schnell, schnell aus deinem Rucksack ein Fernglas geholt. Was können wir denn da gerade beobachten?

Caroline Führer: Ja, ich korrigiere, fünf große Vögel jetzt schon. Wir haben tatsächlich vier Gänsegeier, die da jetzt drüber geflogen sind und wir haben auch den Bartgeier. Also ein Bartgeier, vier Gänsegeier. Der Bartgeier ist da in dem Bereich tatsächlich im Moment öfters unterwegs, weil wir da dieses Jahr, da haben wir uns sehr gefreut, eine erfolgreiche Brut gehabt haben von einem Bartgeier. Und da ist jetzt ein Elternvogel grad quer geflogen. Man hat das erkannt, weil er einfach dieses ganz typische Flugbild, dieser langen, geraden Flugstrecken entlang der Klippen hat. Der schaut, der ist ganz neugierig. Und ich hab dann von der Gefiederfärbung es auch erkennen können mit dem Fernglas. Und bei den Gänsegeiern war es jetzt gar nicht so einfach, weil erst waren nur zwei da. Und bei Zweien, die da oben so fliegen, da könnte man erst einmal vielleicht noch auf einen Steinadler vermuten. Und dann sind aber noch zwei dazugekommen und vier Steinadler zusammen, das haben wir nicht. Das gibt es eigentlich auch nicht. Und dann hat man es erkennen können vom Flugbild auch wieder, einfach ganz, ganz, ganz große Flügel, ganz breite Flügel. Man sagt beim Gänsegeier ist immer wie so ein Brett, was in der Luft steht. Und ganz ein kurzer Stoß hinten. Und ja, wo dann eben vier beisammen gekommen sind, das ist dann wirklich typisch für den Gänsegeier, der bei uns ein Sommergast ist. Und ich habe auch schon Erlebnisse gehabt, wo ich 30 auf einmal gehabt habe.

Lisa: Von wo kommt der zu uns, der Sommergast?

Caroline Führer: Bei uns sind es vor allem Vögel, die aus Kroatien oder aus Italien hochkommen. Das sind gerade die Vögel, die nicht brüten oder vielleicht einen Brutabbruch auch gehabt haben, die da ja fast wie einen Sommerurlaub machen. Es sind auch in den letzten Jahren mehr geworden, weil sie einfach gemerkt haben, dass sie da im Sommer genügend Nahrung finden. Der Gänsegeier ist eben wirklich ein Aasfresser und ist der Vogel, der dafür zuständig ist, da den, den Kadaver erst einmal auszuräumen. Also, die gehen wirklich in so einen Tierkadaver hinein und fressen besonders gerne Innereien.

Lisa: Okay, also du hast vorher gemeint, äh, vier, das können keine Steinadler sein.

Caroline Führer: Ja, also beim Steinadler sehen wir halt höchstens einmal drei zusammen, dann wäre es ein Elternpaar mit einem Jungvogel dabei. Und das ist eine wunderschöne Beobachtung, wenn man das einmal hat. Oft einmal ist es aber dann eher ein Elternvogel mit einem Jungvogel dabei. Äh, Steinadler hat ein großes Revier, was er dann eben auch verteidigt. Ein Jungvogel wird dann noch toleriert, auch einmal ein fremder Jungvogel. Das ist beim Bartgeier auch gleich, dass ein Jungvogel über das Gefieder gekennzeichnet ist und das erkennen sie. Aber letztendlich verteidigen sie ihr Revier. Und das heißt, wenn du da in einem Tal ein Steinadlerpaar hast, dann ist es auch eher seltener, dass du in dem gleichen Bereich noch ein anderes reinfliegen hast.

Lisa: Schauen wir, ob wir ihn auch noch entdecken. Ganz, ganz spektakulär für mich jetzt immer noch der Bartgeier, den wir gesehen haben, weil das ist ja auch ein Riesenerfolg vom Nationalpark Hohe Tauern, dass man den hier wieder angesiedelt hat und dass der auch selbstständig brütet.

Caroline Führer: Genau, wir sind sehr glücklich. Diese Wiederansiedlungsprojekte, die haben wir jetzt eigentlich schon seit den 80er Jahren, dass da Vögel ausgewildert wurden. Und wir da im Tiroler Teil des Nationalparks freuen uns dieses Jahr besonders, weil eben erstmalig die Brut nachgewiesen ist da im Tiroler Tal und nicht nur einer, sondern gleich zwei Paare einen Jungvogel erfolgreich großgezogen haben. Der ist jetzt ausgeflogen, bei beiden Paaren schon vor einigen Monaten und bisher haben wir sie ja immer wieder beobachten können mit dem Jungvogel, sodass wir natürlich da uns freuen können, dass das so bisher erfolgreich ist, dass der Jungvogel eben wirklich auch Futter findet, Futter aufnimmt und, und da weiter herum pflückt.

Lisa: Vielleicht kannst du uns auch noch kurz erklären, warum der Bartgeier ausgerottet wurde in unserer Region?

Caroline Führer: Der Bartgeier war im gesamten Alpenraum ausgerottet worden, weil man vor ihm einfach ganz viel Angst gehabt hat, wo einfach auch das Verständnis für das Tier nicht da gewesen ist. Der Aberglaube war sehr groß. Wenn man das Glück hat, so einen Bartgeier mal von Nahem zu sehen, der hat schon irgendwo eine bedrohliche Erscheinung. Eine Flügelspannweite von 2,90 Meter, also ein riesengroßes Tier, was dann eben nah an den Felsen vorbei streift. Er hat diesen schwarzen Bart, also ein Gefieder am Schnabel, das ausschaut wie ein Bart und er hat so einen roten Augenring, der von nahem tatsächlich auch so rot, fast feuerrot leuchtet. Und das ist natürlich wahrgenommen worden, als ob da der Teufel daher geflogen kommt. Er hatte auch den Ruf als Lämmergeier, dass er wirklich auch die jungen Lämmer geholt hätte. Es ist aber ein reiner Aas- und sogar noch spezialisierter, ein Knochenfresser.

Klaus: Wow, da habt ihr wahrscheinlich großes Glück gehabt, dass ihr die Geier über euch kreisen gesehen habt.

Lisa: Auf jeden Fall. Also für mich war das wirklich sehr, sehr aufregend, weil man einfach beim raufsehen auch ohne Fernglas schon erkannt hat, dass es sich da wirklich um riesengroße Tiere handelt, so ein Bartgeier mit 2,90 Meter Spannweite. Ja, das ist schon faszinierend. Vor allem hatte ich das Gefühl, ein Riesenglück, dass wir es jetzt sehen. Caroline hat mir eben dann erklärt, dass dieser Bruterfolg, dass hier ein Jungtier zum ersten Mal eigentlich in Osttirol aufgezogen wurde, erfolgreich, dass das eben in diesem Tal passiert ist, im Gschlösstal. Und deswegen war die Wahrscheinlichkeit größer, dass wir den Bartgeier dort sehen. Aber das hat mir auch vor Augen geführt. Seit den 80er Jahren wird es versucht, den Bartgeier hier wieder anzusiedeln und dass es zum ersten Mal einen Bruterfolg gibt, das zeigt schon auch, wie schwierig das ist, so ein ausgerottetes Tier wieder anzusiedeln.

Klaus: Mhm, ja das sind 40 Jahre. Ich habe gelesen, auch der Steinbock war ja schon mal ausgerottet.

Lisa: Genau, also der Steinbock ist schon im 18. Jahrhundert komplett vom ganzen Alpenbogen verschwunden und wird eben im Nationalpark Hohe Tauern seit den 1960er Jahren wieder angesiedelt, inzwischen leben dort rund 1100 Tiere und am Ende unserer Wanderung, mit Blick aufs Hochgebirge, haben wir uns natürlich auch nochmal gefragt wie es dem König der Alpen dort oben geht.

Ja, liebe Caroline, wir nähern uns unserem Ziel, dem Talschluss. Wir gehen immer noch auf dieses für mich unglaubliche Gletschermassiv zu. Du hast mir gerade gesagt, 50 Prozent des Nationalpark Hohe Tauern ist Fels und Eis.

Caroline Führer: Genau richtig. Wir haben ja vorhin schon einmal kurz gesagt, die Gletscherflächen selbst werden natürlich immer kleiner. Wir haben diese Veränderung von zehn Prozent Gletscherfläche auf inzwischen nur noch sechs Prozent Gletscherfläche. Aber trotzdem 50 Prozent des Nationalparks Hohe Tauern sind einfach Fels und Eis.

Lisa: Also die Gipfel, auf die wir da blicken, das sind Dreitausender?

Caroline Führer: Da sind Dreitausender oben im Gletschermassiv mit drinnen. Wir haben alleine im Osttirol 256 Dreitausender. Das ist natürlich einiges. Mein Kollege, der Andreas, hat sie ja alle bewandert.

Lisa: Wow!

Caroline Führer: Aber es, ja, es ist natürlich einfach eine Landschaft, da muss man erst einmal hinkommen.

Lisa: Also, so wie der Steinbock ein absoluter Spezialist ist für dieses Gebirge, müssen auch wir Menschen, wenn wir uns dorthin begeben, wirklich versierte Bergsteiger und Spezialisten fürs Hochgebirge sein, dass man zum Beispiel alle 3000er erwandern kann.

Caroline Führer: Ja, natürlich. Der Steinbock ist auch ein super Beispiel, der einfach wahnsinnig gut klettern kann, die Gams natürlich auch, aber eben diese extremen Temperaturen auch aushalten kann. Ja, der Steinbock ist, also eigentlich alle Wildtiere da bei uns, sind auf den Winter angepasst. Sieben Monate im Jahr im Hochgebirge sind Winterbedingungen. Und der Sommer ist die Zeit, wo sie einmal Nahrung bekommen, wo sie einmal Wärme bekommen, wo natürlich auch der Fortpflanzungsgedanke steht, dass du deine Jungen großziehen musst. Aber letztendlich sind sie alle auf den Winter angepasst, denn der dominiert dort.

Klaus: Mhm, also ein wirklich extremer Lebensraum. Wo derzeit auch unglaublich viel in Bewegung ist.

Lisa: Ja, eine große Empfehlung von mir, sich vielleicht wirklich mal so einer Wanderung mit einem Ranger, einer Rangerin anzuschließen, weil man mit so einem Experten wirklich noch mal mehr mitbekommt, was um einen in der Natur so alles passiert. Das war sehr, sehr spannend für mich. Man kann das online einsehen, was angeboten wird, oder auch über eine App so eine Wanderung buchen. Alle Infos dazu haben wir natürlich wieder in den Show Notes für euch verlinkt.

Klaus: Ja, an Superlativen hat es in der heutigen Episode wohl sicher nicht gefehlt. Jetzt bleibt noch kurz Zeit für unsere kuriosen Fakten zum Nationalpark Hohe Tauern.

Lisa: Ja, was mich fasziniert hat, war zum Beispiel das nur 5 Gramm schwere Wintergoldhähnchen, man stellt sich vor eine Zwei-Euro-Münze, und coolerweise haben wir das sogar auf dem Weg nach draußen sogar auch noch mit Caroline entdeckt.

Klaus: Und wie schaut das aus? Ist das süß?

Lisa: Ja, ein kleiner Singvogel, ein wirklich, wirklich kleiner Singvogel.

Klaus: Dann ein weit verbreiteter Alpenbewohner ist ja auch das Murmeltier.

Lisa: Das haben wir auch gesehen, als hätte es jemand hingestellt und im Nachhinein bin ich drauf gekommen, weil ich Caroline gefragt habe, wie hast du denn den Bartgeier entdeckt und sie hat den Pfiff eines Murmeltiers gehört und ich habe nachgelesen, Murmeltiere warnen sich ja gegenseitig vor Raubtieren, wenn eine Gefahr von oben droht, pfeifen sie eben einmal und wenn sie mehrmals pfeifen, dann wäre es eben eine Gefahr vom Boden, wenn zum Beispiel eine Wandergruppe daherkommt, dann hört man auch manchmal das Murmeltier mehrmals pfeifen.

Klaus: Spannend. Und was ist jetzt das Wichtigste, dass man auf so eine Tour mitnehmen sollte?

Lisa: Ich hätte gesagt, vielleicht ein gutes Fernglas könnte wirklich toll sein. Aber die Caroline hat gemeint, unbedingt viel Zeit, weil schnell lässt sich die Natur nicht erleben. Was sie sonst noch für Tipps hat, sagt sie uns jetzt gleich noch selbst.

Caroline Führer: Ja, man muss ein bisschen Zeit mitbringen, man packt den Rucksack und macht sich dann mal an eine kleine Tourenplanung, was man schaffen kann und möchte. Generell haben wir viele Möglichkeiten, wo man auch inzwischen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gut anreisen kann, zu einem Tal hin und von dort dann einmal hineinwandert. Sei das das Gschlösstal, wo wir heute unterwegs gewesen sind, oben in Karls das Ködnitztal, im Defereggental hinten in den Zirbenwald hinein und wer da mehr Informationen braucht, kann natürlich ganz gerne vorher einmal bei uns vorbeischauen, wir sind in Matrei im Nationalparkhaus und da gibt es dann ganz viele Tipps, wo man denn überall hin kann.

Klaus: Also Augen auf, Ohren auf und Zeit lassen, das sind die Tipps von Caroline. Eigentlich ist das eh allgemein gültig für jeden Ausflug und dein Hörausflug nach Osttirol hat uns auch wieder mal gezeigt, wie schützenswert unsere Natur eigentlich ist. Alle Infos zum Nationalpark Hohe Tauern und wie man ihn erleben kann, haben wir natürlich für euch verlinkt. Das war's für heute. Wir hoffen, es hat euch genauso viel Spaß gemacht wie uns.

Lisa: Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.

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