Tirol ohne Plan: Die Freiheit des spontanen Reisens
Shownotes
Spontan reisen, ohne Plan wandern, einfach irgendwo übernachten – geht das? Microabenteuer in Tirol sind der perfekte Mix aus Freiheit und Herausforderung. Reisebloggerin Lea Hajner verrät, wann Spontanität klappt und wo ein bisschen Planung hilft, zum Beispiel Randzeiten nutzen, um die Berge für sich zu haben, und mit den Öffis stressfrei zu den schönsten Plätzen reisen. Kulinarisch empfiehlt Lea, sich auf lokale Spezialitäten einzulassen und so den ein oder anderen Geheimtipp zu verkosten. Moosbeernocken, wir kommen! Autor Gero Günther berichtet von seinem ungeplanten Trip im Außerfern – ohne Google Maps, aber mit Alpakas, einem hilfsbereiten Busfahrer und einer zufälligen Museumstour. Lisa und Klaus erfahren, warum spontane Reisen oft die besten Abenteuer bringen. Jetzt reinhören und ein Abenteuer im Kopf erleben!
Tipps für Abenteuer und Ausflugsziele im Außerfern in Tirol:
Weitere Links zur Podcast-Episode:
- Gero Günthers Artikel aus dem MeinTirol-Magazin
- Lea Hajners Social bei Instagram
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Transkript anzeigen
Intro: Bitte alle einsteigen, der Bus fährt gleich ab. Willkommen auf unserer Fahrt ins Unbekannte. Schließen Sie jetzt Google Maps und TripAdvisor und genießen Sie die Reise.
Lisa: Hörausflüge!
Klaus: Der Tirol-Podcast. Hallo und herzlich Willkommen zu einer neuen Folge von 'Hörausflüge, dem Tirol-Podcast'. Wir nehmen euch mit auf die kleinen und großen Abenteuer, die es hier zu erleben gibt. Ich bin Klaus Brunner.
Lisa: Und mein Name ist Lisa Prantl. Für diese Episode haben wir keinen Plan.
Klaus: Wie viel kann man dem Zufall überlassen, wenn es ums Thema Urlaub und Reisen geht? Wofür braucht es einen Plan oder macht der Plan den Urlaub erst richtig entspannt?
Lisa: Ja, diesbezüglich gehen die Meinungen auseinander. Die einen tauchen gerne und ausgiebig schon Wochen vor einer Reise oder einem Urlaub in ihr Ziel ein, suchen Wanderungen heraus, reservieren in den bestbewerteten Restaurants, entscheiden sich, welche Sights sie unbedingt sehen wollen. Für die anderen gibt es nichts Schöneres, als sich einfach mal treiben zu lassen.
Klaus: Der Ausgangspunkt für diese Episode ist eine Reportage, die im Mein-Tirol-Magazin erschienen ist. Der Journalist Gero Günther und Fotograf Espen Eichhöfer haben sich dafür einige Tage in Reutte, dem Lechtal und dessen Nebentälern wirklich, sagen wir mal, treiben lassen. Und sie sind vollkommen ohne moderne Hilfsmittel ausgekommen. Also kein Google Maps, kein Booking. Und was sie dabei erlebt haben, das erzählt uns Gero Günther später.
Lisa: Ja, ich habe die Geschichte auch sehr gerne gelesen und die Idee, so planlos loszustarten, auch ein bisschen romantisiert. Aber was sagen die Reiseprofis eigentlich dazu? Ich habe mich mit Reisejournalistin, Autorin und Bloggerin Lea Hajner getroffen. Sie lebt seit mehr als zehn Jahren in Innsbruck und gibt über ihren Blog 'Escape Town' oder auch ihr Buch '52 kleine und große Eskapaden in Tirol' Tipps zum Wandern, Radeln oder Paddeln. Was sie vom Motto "Planlos durch Tirol" hält, habe ich Lea im Gespräch gefragt.
Lea Hajner: Ich finde es wunderbar, wenn man sich im Urlaub treiben lassen kann. Ich sage ganz selten, dass ich Urlaub mache, ich gehe meistens reisen. Aber ich brauche dann auch den Urlaub. Und der Urlaub ist für mich die Erholung. Die Mischung macht es. Und ich persönlich plane gern grob. Meine Zeit, meine Tage, was möchte ich sehen? Wann ist auch was möglich zu machen? Und plane aber auch Zeit ein, um mich treiben zu lassen und einfach das Geschehen zu genießen. Und das ist jetzt ganz gleich, ob das in einer Stadt ist, wo man einfach den ganzen Tag stundenlang durch die Straßen schlendert oder auf einem Berg, wo man entscheidet, "Nein, ich bleibe jetzt auf der Hütte sitzen und genieße die Sonne", oder, "Ich nehme den nächsten Gipfel auch noch mit".
Lisa: Als Reisejournalistin und Bloggerin gibst du ja auch sehr viele, sehr konkrete Tipps, was man in Tirol alles erleben kann. Jetzt ganz spezifisch zwischen Planen und Spontanität, wo ist denn für dich der Fokus zu legen, wenn man in Tirol reist oder Urlaub macht?
Lea Hajner: Ich denke durch Innsbruck kann man sich sehr gut auch treiben lassen, gerade an einem Wochenende. Für eine Bergtour sollte man sich vielleicht nicht nur treiben lassen, sondern davor ein paar Gedanken machen: Was packe ich in meinen Rucksack? Die Hütte eventuell rechtzeitig reservieren? Wie schaut eigentlich der Weg aus? Ist das was, was ich kann? Oder kommen da vielleicht Passagen, bei denen ich mich nicht so wohlfühle? Wie schaut eigentlich das Wetter aus? Also ich denke, dass sobald es ein bisschen darüber hinausgeht, über die Dinge, die man einfach so im Tal macht, macht es in den Bergen für mich immer absolut Sinn, vorbereitet zu sein und einen Plan zu haben.
Lisa: Ja, ich finde, das ist ein wichtiger Unterschied. Bergsteigen ist ohne Planung schon allein wegen dem Wetter ja nicht so besonders gescheit, aber ich habe ganz spannend gefunden. Du hast Innsbruck als Beispiel gewählt. Wahrscheinlich gibt es auch viele andere kleine Orte, berühmtere Sehenswürdigkeiten, wo es vielleicht ganz nett ist, sich erst kurzfristig zu überlegen, worauf habe ich eigentlich Lust? Was hast du denn damit für Erfahrungen? Oder ist es eigentlich eher Druck, wenn man in der Früh am Frühstücksbuffet erst noch den Reiseführer durchblättern muss und schauen muss, was heute schön wär?
Lea Hajner: Ja, ich würde sagen, für mich persönlich ist das mehr Druck in der Früh beim Frühstück entscheiden zu müssen, was ich jetzt mache. Während, wenn ich mir das schon davor grob überlegt habe, so zwei, drei Optionen und dann sage, "Okay, das mache ich", finde ich das besser. Es gibt ja auch so einige sehr schöne Orte, die absolut sehenswert sind, gerade in den Bergen, die aber doch auch anfällig sind, dafür von sehr vielen Leuten gleichzeitig heimgesucht zu werden. Und da würde ich auch wieder auf die Planung setzen und sagen, ok, wann sind die Randzeiten, ist es im Herbst dort vielleicht auch noch sehr schön, kann ich dort vielleicht einen Tagesausflug machen, auch wenn die Hütte schon zu hat oder gehe ich vielleicht auch erst etwas später und lasse das Abendessen im Hotel sausen, habe dafür den Sonnenuntergang an einem wunderschönen Ort und gehe dann mit der Stirnlampe wieder runter. Also ich glaube, all diese kleinen Tipps und Tricks, wie man die Orte, die eben sehr viel angesteuert werden, auch ein bisschen individueller erleben kann, das ist schon etwas, was auch einfach mit Planung zu tun hat.
Lisa: Ja, das ist ein wertvoller Tipp, glaube ich, dass man ein bisschen plant, wann man wo sein will. Und was mir auch gerade noch eingefallen ist, wenn man vorher schon weiß, wo es hingeht, hat man natürlich auch die Vorfreude noch, die man am Abend davor vielleicht zum Einschlafen schon genießen kann. Es gibt ja auch Menschen, die, wenn es um die Reiseplanung geht, irgendwann so minutiös an ihren Plänen hängen oder so sehr sich in den verschiedenen Unterlagen vertiefen, dass Reiseplanung vielleicht auch zum Stress werden kann. Was hast du denn für diese Menschen für Tipps, damit sie es zwar geplant, aber entspannt angehen können?
Lea Hajner: Ja, ich glaube, das Hobby sollte das Reisen bleiben und nicht die Reiseplanung. Zeit einplanen. Dafür, auch mal etwas zu entdecken, die Möglichkeit haben, stehen zu bleiben, mit dem Auto, wenn man durchs Land fährt und zu sagen, "Oh, das schaut schön aus, schauen wir uns das an". Das ist natürlich, wenn man jetzt zum Beispiel mit Öffis unterwegs ist, immer nur begrenzt möglich. Aber auch da kann man so einen gewissen Puffer mit einplanen und muss die Tage nicht perfekt durchtakten. Also ich glaube, es ist gut einen Plan zu haben, was man machen will und wohin es gehen soll. Aber da vielleicht einen Extratag mit einplanen, jetzt bei einer Woche, macht auf alle Fälle Sinn.
Lisa: Also immer wieder freie Zeiten, Zeitfenster, wo man noch ein bisschen Spontanität zulassen kann. Stichwort Öffis. Was hast du denn da für Tipps fürs Reisen in Tirol, um mit Öffis unterwegs zu sein?
Lea Hajner: Also grundsätzlich, finde ich, funktioniert das extrem gut, mit den Öffis durch Tirol zu reisen, zu wandern, Ski zu fahren und auch einfach das Auto vielleicht für die Anreise zu nutzen, aber dann auch stehen zu lassen. Und ist auch etwas, was man aus vielen verschiedenen Gründen, finde ich, generell beim Reisen machen sollte. Der wichtige Punkt dabei ist, dass in die schönsten Täler die Busse nicht unbedingt zu oft fahren und man sich einfach vorab informieren sollte, wann fährt ein Bus wieder raus aus dem Tal, wann fährt der letzte Bus raus und das sollte man sich vielleicht auch vorher screenshotten. Denn an den schönsten Orten gibt es manchmal auch keinen Handyempfang. Das ist absolut etwas, was ich sehr schätze, aber für die Planung mit den Öffis sollte man da einfach ein bisschen vorbereitet sein.
Lisa: Also die Planung auf jeden Fall für die Busabfahrtszeiten, aber wie du sagst, an den schönsten Orten gibt es oft dann kein Netz mehr. Da kommt das Treibenlassen, selbst wenn die Reise geplant ist oder die Wanderung an diesem Tag geplant ist, kommt das Treibenlassen so oder so ja irgendwie in den Urlaub zurück.
Lea Hajner: Ja, und ich glaube, dass das auch so eine Sehnsucht ist, die wir haben. Es will ja niemand in die Berge gehen, um dann dort gestresst zu sein. Es geht ja darum, dass man etwas erlebt und aber diese Zeiten dazwischen auch hat, einfach zu rasten und in die Luft zu schauen und den Himmel und die Berge zu beobachten. Und das, das ist für mich das Energietanken in den Bergen. Und ich glaube, wenn man zu sehr nur von einem zum nächsten kommen möchte, dann verpasst man was. Als Tipp für die Hörer im Zweifelsfall länger auf der Hütte sitzen, noch einen Kaspressknödel essen, nochmal eine Runde im Liegestuhl schlafen. Das ist auf alle Fälle gewonnene Zeit, würde ich sagen, von der man im positivsten Sinn profitiert.
Lisa: Ja, neben dem Fotografieren ist ja auch das Essen eine große Leidenschaft von dir. Du teilst gerne, wo es die beste Pizza gibt oder wo es vielleicht im Winter beim Skifahren die besten Pommes gibt, auf einer Hütte, bis hin zu ganz speziellen Brotbackrezepten. Was hältst du denn von einer planlosen kulinarischen Reise durch Tirol?
Lea Hajner: Gar nichts. Immer genug Zeit zum Essen und zum Recherchieren, wo man was isst, einplanen, das ist meine große, große Reiseempfehlung für alle, die gerne gut essen. Natürlich wird man auch immer wieder mal wo überrascht. Und auch das ist ja das Schöne beim Reisen, wenn man das gerne macht, dass man darüber philosophieren kann, wo eben die Kaspressknödel jetzt wirklich die besten sind, und ob Graukäse jetzt reingehört oder nicht, und wo der Ausblick eigentlich am schönsten ist. Ja, das zählt für mich eigentlich alles zum Berg und zum Tirol-Erlebnis dazu.
Lisa: Was sind so klassische andere Hüttenrezepte? Ich denke gerade nach.
Lea Hajner: Der eingebürgerte Kaiserschmarrn, der für ganz viele, glaube ich, im Tirol-Urlaub ein absoluter Fixpunkt ist. Ich persönlich würde noch die Moosbeernocken, jetzt gerade im Sommer, empfehlen. Wahnsinnig gut, genau.
Lisa: Absolutes Highlight! Moosbeeren, vielleicht zur Erklärung, sind die kleinen schwarzen Beeren, die man auch beim Wandern in den Sträuchern ein bisschen weiter oben dann oft sieht, oder?
Lea Hajner: Genau, Heidelbeeren, also wilde Heidelbeeren oder Schwarzbeeren, hier Moosbeeren, alles das Gleiche. Wahnsinnig köstlich, wenn man die Gelegenheit hat, frische Pilze, Eierschwammerl, also Pifferlinge, Steinpilze, wo zu bekommen. Immer diese saisonalen Gerichte, die würde ich auf alle Fälle bestellen und die Klassiker vielleicht für Zeiten aufheben, wo eben die frische Ware gerade nicht so verfügbar ist.
Lisa: Also zusammengefasst, du als Foodie würdest auf jeden Fall empfehlen, dass man sich überlegt, wo man zum Essen hingeht, damit man dann da auch seine kulinarischen Bedürfnisse befriedigen kann und weiß, dass man das kriegt, was man sich vorgestellt hat.
Lea Hajner: Da würde ich viel Recherche reinstecken in dieses Thema. Wenn man sich den Foodies zuordnet, dann macht man das sowieso.
Lisa: Vielleicht hast du abschließend noch die eine oder andere Anekdote für uns zum Thema "Planlos durch Tirol". Du lebst ja seit zehn Jahren in Tirol und erlebst auch aufgrund deines Berufes natürlich außergewöhnlich viel im Land. Was hast du denn für ein schönes Erlebnis, vielleicht schöne Erlebnisse, wo das Treibenlassen mal besonders gut getan hat?
Lea Hajner: Ich glaube wirklich, das Besondere ist einfach, dass es für mich hier zu jeder Jahreszeit etwas gibt, worauf ich mich schon freue. Sei es jetzt im Sommer das Bild zu suchen. Im Herbst dieses wunderschöne Licht beim Wandern, im Winter natürlich das Snowboarden und Tourengehen und im Frühling, wenn einfach alles wieder grün wird. Also, ich finde wirklich jede Jahreszeit hat etwas und hat etwas Besonderes und es gibt auch so diese Orte, die ich dann immer zu dieser Jahreszeit wieder aufsuche. Und für mich ist das Treibenlassen tatsächlich leichter an Orten, an denen ich schon war, weil dann weiß man eigentlich schon, Worauf man sich freut und wird so zum Wiederholungstäter und geht wieder dorthin und sitzt wieder dort und denkt sich, "Boah, es ist einfach schön".
Lisa: Also planlos durch Tirol oder mit ganz viel Plan, es werden auf jeden Fall Überraschungen auf einen warten und man wird immer was Neues zu entdecken finden. Liebe Lea, ich danke dir für dieses spannende Gespräch und für deine Zeit.
Lea Hajner: Vielen Dank für die Einladung.
Klaus: Alle Gewohnheitstiere und Wiederholungstäter und -täterinnen, die gerne zum Beispiel immer wieder dieselbe Wanderung antreten, die werden sich jetzt verstanden fühlen.
Lisa: Ja, ich würde mich da wahrscheinlich schon dazu zählen und kann das auch gut nachvollziehen. Bin aber jetzt auch gespannt, was Gero Günther von seiner vollkommen ungeplanten und analogen Reise durchs Außerfern erzählt.
Klaus: Lieber Gero Günther, du hast einen sehr schönen Text im Magazin 'Mein Tirol' verfasst. Die Geschichte nennt sich 'Planlos durch Tirol'. Du erzählst darin von einer völlig ungeplanten Reise durchs Außerfern, ganz im Westen von Tirol. Dabei haben du und der Fotograf Esben Eichhöfer ganz auf digitale Hilfsmittel verzichtet und der Reisebericht klingt relativ wildromantisch, sehr spannend und ein bisschen auch wie eine Zeitreise. Vielleicht nimmst du uns mal mit, wie hast du denn diese Reise in Erinnerung?
Gero Günther: Ganz, ganz fantastisch. Das war eine der gelungensten und eine der, wie es bei dem Thema vielleicht naheliegt, überraschendsten Geschichten, wo man einfach vorher noch gar nicht wissen konnte, was passiert.
Klaus: Und wie kam es zu der Idee? War das schon so eine Art Sehnsucht auch für dich? Also, wieder mal so zu reisen wie früher.
Gero Günther: Ja, ganz sicher. Genau, es knüpft ja so ein bisschen an die Zeiten an, als man als Jugendlicher zum ersten Mal so mit dem Rucksack losgezogen ist. Und das war auch so die Sehnsucht, die dahinter steckt, dass man als älterer Mensch dann auch mal wieder den Mut hat, die Initiative, halt so zu reisen.
Klaus: Du bist Journalist, dein Arbeitsalltag ist sehr durchgeplant, man muss sehr gut organisiert sein. Wenn du jetzt an Reisen denkst, welcher Typ bist du? Eher spontan oder eher komplett durchgeplant?
Gero Günther: Tja, das ist jetzt eine sehr gute Frage. Also, ich hab ja wirklich sehr, sehr, sehr viele Reisen als Journalist gemacht. Die sind fast immer sehr stark durchgeplant. Privat bin ich schon so jemand, der gerne spontan bleibt. Also, ich sag jetzt mal, wenn mich jemand zum Schnaps einlädt, dann sag ich nicht nein. Oder wenn jemand sagt, "Ey, komm in die Stube", oder, dann sind das die Highlights.
Klaus: Ja, du warst, mit dem Fotografen Esben Eichhöfer unterwegs, ein guter Freund von dir, wie du mir gesagt hast. Bitte nimm uns doch mal mit auf diese Reise, planlos durch Tirol.
Gero Günther: Ja, also ich war mit Esben Eichhöfer schon an etlichen anderen Orten in der Welt. Insofern war das so eine Grundvoraussetzung, dass diese Reise überhaupt klappen kann, weil ich ja jemand brauchte, der das alles auch mitmacht und der sich einbringt und ähnliche Ideen hat. Ich wusste ganz genau, was mich da erwartet, dass wir, wenn wir irgendeine Schmarrn-Idee haben, er sagen würde, "Ja geil, machen wir". Und die Reise begann auch gleich chaotisch, also wenn man so richtig aus dem Nähkästchen plaudert, die begann lang bevor der Text beginnt und zwar sind wir in den Zug gestiegen und ich habe es geschafft, gleich mal an der falschen Stelle umzusteigen, sodass wir an einem falschen Bahnhof gelandet waren. Da haben wir aber gleich einen türkischen Trafikhändler kennengelernt, der auch sehr cool war, das spielte nur leider noch nicht in Tirol, deshalb kommt es nicht vor. Und dann war das so, dass das Wetter so schlecht war, dass das, was ich mir eigentlich als Einstieg vorgestellt hatte, nämlich am Lech entlang von Deutschland rüber zu wandern, einfach nicht ging. Es war, also es hat wirklich so schlimm geregnet. Und dann, um, haben Espen und ich gesagt, "Okay, wir gehen jetzt mal da irgendwie zur Touri-Info und fragen, wann der nächste Bus fährt". Und dann ging alles Schlag auf Schlag, weil der, der fuhr sofort, wir steigen ein, steigen in Reutte aus, es regnet immer noch Cats and Dogs. Und dann bin ich in den nächsten Optikerladen, einfach nur weil der schräg gegenüber war, reingerannt und hab diesen völlig unschuldigen Menschen gefragt, ob er ein Hotel empfehlen kann. Und dann sagte der, "Ja, also ich find, da gibt's den Mooren, da gehen wir, das ist ein solider Laden", und dann sind wir da hingegangen und wir haben halt immer genau das eigentlich gemacht, was uns Leute empfohlen haben oder was uns gerade so einfiel. Und gleich in Reutte waren wir auch sehr, sehr angetan, muss ich sagen, uns hat der Ort gut gefallen, vielleicht auch aus dem Enthusiasmus dieser Geschichte raus. Und dann zum Beispiel war da ein kleines Dorfmuseum, das war geschlossen und Espen ist dann manchmal auch so drauf, dass er dann trotzdem mal die Türe versucht zu öffnen. Und da war dann der Kurator und hat gesagt, "Ja, kommt doch rein, ich zeig's euch gerne". Und das ist gleich so ein gutes Beispiel dafür gewesen, dass man eben durch ungeplante oder durch Herzlichkeit von Menschen einfach die besseren Sachen erlebt. Also wenn ich jetzt ein Interview mit dem Museumsleiter vorher geplant hätte, das war, du hast ja dann ein viel schöneres Gefühl dabei, wenn du so eine Entdeckung machst, sozusagen.
Klaus: Aber ist es vielleicht auch so, dass man die Antennen sowieso weiter offen hat, wenn man weiß, "Okay, ich kann jetzt nichts nachschauen, ich bin darauf angewiesen, welche Tipps ich bekomme"?
Gero Günther: Genau. Wir haben es uns ja richtig verordnet. Also ich habe tatsächlich auch wirklich nicht vorgegoogelt. Ich habe mich wirklich genau das gemacht, was man als Journalist nicht machen darf, null Vorbereitung. Das einzige, was ich hatte, war eine Wanderkarte, weil wir wussten, wir wollen auf jeden Fall eine Wanderepisode reinmachen, das war mir dann zu haarig ohne. Aber sonst, wie du sagst, die Antennen sind offen und man denkt halt auch einfach drüber nach, wie könnte jetzt auch in der Geschichte diese Idee am besten verwirklicht werden, dass man auch wirklich merkt, dass wir so aus dem Bauch raus handeln. Ich glaube, ein ganz wichtiger Moment war, dass wir am nächsten Morgen schon wieder nicht so tolles Wetter hatten und dann tatsächlich wieder das gemacht haben, dass wir an die alten Zeiten angeknüpft haben und uns überlegt haben, was machen wir denn eigentlich schon lange nicht mehr und was war früher so die Essenz des Reisens und haben dann einfach den Daumen rausgehalten und das war auch eine saugute Idee, obwohl wir natürlich erst mal frustriert waren, weil keiner hielt. Dann kam erst mal eine Einwohnerin von Reutte und sagte, "Ihr steht ja hier völlig bescheuert, also geht's mal da zum Kebab-Stand, dann geht das schon". Und dann war dieser wunderbare Moment, dass ein VW-Bus mit einer jungen Mutter und ihrem Kind hält und sie fragt, "Wo wollt's denn hin?" Und ich sag so, "Sag's du uns, wir wissen gar nicht, wo wir hinwollen". Da mussten wir natürlich erst mal herzlich lachen und dann hat sie uns mitgenommen zu ihrem Alpaka-Hof. Was ein toller Zufall war, dann haben wir Alpakas gefüttert und es ging eigentlich von Anfang an einfach mit so einem unglaublichen Leichtigkeit.
Klaus: Ja, du schreibst auch in deinem Bericht, es steht ein guter Stern über der Reise. Wenn man das so liest, dann klingt es nach sehr vielen netten, warmen, herzlichen Begegnungen. Früher gab es einfach kein Google Maps und so weiter und man musste fragen. War das auch eine Art Zeitreise für dich eigentlich?
Gero Günther: Jein. Einerseits hat natürlich tatsächlich dieser aktive Verzicht immer eine Rolle gespielt. Also es war insofern auch sehr zeitgenössisch sozusagen, aber mit einem Minus-Vorzeichen. Also wir haben ja auch immer, wenn wir wussten, wir könnten es uns jetzt leichter machen, uns das verboten. Das Gefühl, was sich eingestellt hat, war natürlich schon wieder so ein bisschen wie früher. Aber eine Zeitreise ist jetzt wahrscheinlich übertrieben. Aber wenn du jemanden fragst, "Wo findest du es denn am..., welchen Wanderweg würdest du empfehlen? Welchen findest du am schönsten?", dann kann ich das natürlich auf Google Maps quasi schon mal komplett durchspielen. Ich kenne auch Leute, die das machen, die ihre Wanderungen quasi virtuell schon mal... ich finde... das verliert ja dann, dann guckst du ja nur noch, ob sozusagen die Bilder, die du im Netz vorgefunden hast, auch der Realität entsprechen und "Ah, jetzt müsste ich ja dahin kommen". Es ist viel lustiger mit den Menschen zu sprechen und sich dem Zufall hinzugeben. Also es war einfach auch unglaublich komisch, muss man jetzt sagen, es sind einfach so viele lustige Sachen passiert. Und auch, wenn man irgendwie an der Menschheit zweifelt, dann sollte man sowas mal wieder machen, weil man gewinnt das Vertrauen in die Leute wieder. Wir sind da ja... das war, glaube ich, der zweite oder dritte Tag in einem sehr verlassenen Ort angekommen, in dem uns freundlicherweise ein sehr engagierter Busfahrer mitgenommen hat. Und der ist dann mit uns ausgestiegen und hat Leute angesprochen und gesagt, ähm, "Das Wirtshaus hat zugemacht", oder, "Sag mal, wo kriegt man denn die zwei Burschen da unter?" Und dann haben die sich dann gegenseitig im Ort angerufen, bis wir eine Ferienwohnung hatten. Und dann hat der Wirt gleich gesagt, "Ja, also zu essen habe ich jetzt leider nix, aber ich fahre euch gern wieder in den Ort runter, wo es was gibt". Da war eine Hilfsbereitschaft, von der man glaubte, die gibt's gar nicht mehr. Aber die gibt's im Lechtal auf jeden Fall noch.
Klaus: Vielleicht nimmst du uns noch ein Stück weiter mit. Was hast du noch alles erlebt?
Gero Günther: Ja, dann wollten wir in ein, ein weiteres Seitental des Lechtals, das Madau heißt. Das hat uns auf der Karte sehr gut gefallen, das sah irgendwie abenteuerlich aus. Da wollten wir dann da unbedingt hin. Da gab's auch irgendwie erkennbar nur einen einzigen Gasthof. Da oben haben wir dann auch wieder eine sehr, sehr schöne Wanderung gemacht. Die eigentlich so ein bisschen darauf beruhte, dass alle Menschen eine bestimmte Tour gemacht haben. Und wir sind natürlich dann genau in die andere Richtung gegangen und landeten dann auch wieder auf irgendeinem Hochplateau und konnten uns auf der Karte nicht mehr verorten. Zum Glück war da so ein kleines Häuslein und da standen zwei Gummistiefel. Dann bin ich mal davon ausgegangen, dass da jemand ist. Wir haben sehr laut geschrien und zwei Minuten später wurden wir zum Hollersaft eingeladen und hatten schon wieder ein sehr gutes Gespräch am laufen mit einem alten, ich glaube, Elbigenalper, der jeden Gipfel kannte und auch wieder sehr schöne Geschichten hatte. Also auf der Basis haben wir die Entscheidungen getroffen und die haben natürlich auch den Enthusiasmus ausgelöst, dass man immer wieder gedacht hat, wow, das hätte man vorbereitet gar nicht hinbekommen.
Klaus: Aber jetzt gehst du wahrscheinlich berufsbedingt relativ offen auf Menschen zu, aber ist es schon so, dass das auch für Menschen, die jetzt vielleicht das nicht beruflich machen, ständig mit Leuten zu reden, dass das schon ein Weg sein kann, einfach ein Land nochmal besser kennenzulernen?
Gero Günther: Ganz sicher. Also, ich glaube, das ist das A und O. Also, ich würde sogar sagen, das ist die Quintessenz des Reisens, sonst braucht man es gar nicht machen, wenn man nicht auf die Einheimischen zugeht. Und zwar möglichst, einfach mit kompletter Offenheit und einfach aus Neugier mit den Leuten redet.
Klaus: Wenn du jetzt einen Tipp an unsere Hörer und Hörerinnen geben würdest, wenn jemand das selber mal ausprobieren will, eine Reise ohne Vorbereitung sozusagen, was würdest du den Leuten mitgeben?
Gero Günther: Naja, probiert es einfach. Habt den Mut, habt das Vertrauen, dass es klappen wird. Und ich glaube, das einzige, was man wirklich dann mitbringen muss, ist das Vertrauen, dass man die richtigen Leute trifft und dann trifft es auch ein. Ich glaube, das ist irgendwie, wenn man mit der, mit der Bereitschaft an Leute rantritt, ihren Empfehlungen vielleicht auch zu vertrauen, statt irgendeinem Ranking oder Rating von irgendwelchen Menschen, denen man nie begegnet ist, dann ist das sehr viel einfacher eigentlich tatsächlich als irgendwie einer Internetquelle zu vertrauen, die man ja nie, der man nie begegnet.
Klaus: Du hast ja schon einiges erzählt jetzt von, von deinen Erlebnissen, aber was ist das, was dir am meisten in Erinnerung geblieben ist?
Gero Günther: Hm, also ich muss ganz ehrlich sagen, das hatte ich vielleicht am Anfang schon mal gesagt, ich finde, Reutte ist eine völlig unterschätzte Stadt. Also das ist wirklich einfach schön gemacht. Ich muss sagen, ich fand das Lechtal eine Location, wo diese Form von Reisen ganz fantastisch funktioniert. Die Leute sind super unkompliziert, haben einen sehr schönen Akzent, der mir auch gut gefallen hat.
Klaus: Alemannisch, das ist der einzige alemannische Dialekt Tirols.
Gero Günther: Klingt schon fast ein bisschen schweizerisch und, ja, also ich fand diese Seitentäler, die sehr viel bieten, sind überhaupt nicht überlaufen. Also wir waren ja da doch in der Hauptsaison und auf unserer Wanderung sind uns, glaube ich, vier Leute begegnet. Das, äh, ist toll. Also es ist, ähm, ich habe ehrlich gesagt danach gar nicht nachgegoogelt, ob ich jetzt in irgendwelchen berühmten Gegenden war, hab's auch nicht nachbearbeitet. Aber es, also wir waren wirklich begeistert.
Klaus: Lieber Gero, vielen Dank, dass du uns mitgenommen hast auf deine Reise "Planlos durch Tirol".
Gero Günther: Sehr gerne. Ich freue mich auf die nächste Reise.
Lisa: Ja, für die zwei klingt das jedenfalls nach einer sehr gelungenen Reise und nach einer guten Zeit. Für alle, die es ihnen jetzt gleich tun und auch einmal Reutte, das Außerfern und das Lechthall erkunden wollen, haben wir jetzt noch ein paar, vielleicht überraschende, Fakten herausgesucht.
Klaus: Ja, der Lech gilt als der letzte freifließende Wildfluss Mitteleuropas. Und auch hier haben wir eine Sage wie in vielen Regionen Tirols. Im Fluss soll nämlich der Bluatschink hausen. Das ist ein dämonischer Wassergeist mit blutroten Beinen.
Lisa: Und wer sich vor dem Bluatschink in Sicherheit bringen möchte, könnte das zum Beispiel auf der 'Highline 179' tun. Das ist eine Hängebrücke, die 114 Meter hoch ist und eine Spannweite von beachtlichen 406 Metern hat. Also da braucht man schon wirklich gute Nerven, um da zwischen der Burgruine Ehrenberg und dem Fort Claudia hin und her zu spazieren.
Klaus: Ja und einigermaßen schwindelfrei sollte auch sein, wer von Tirol aus auf Deutschlands höchsten Berg fahren will. Die Zugspitzbahn überwindet fast 2.000 Höhenmeter in nur 10 Minuten. Die Zugspitze gilt nicht umsonst als einer der spektakulärsten Aussichtsberge der Alpen. Bei klarer Sicht sieht man bis nach München und in die Hohen Tauern.
Lisa: Ja, alle Infos zu Ausflugszielen im Außerfern, den Link zu Gero Günthers Artikel, sowie natürlich auch zu Lea Hajners Buch, findet ihr wie immer in den Shownotes. Das war's vom heutigen Hörausflug. Wir hoffen, es hat euch genauso viel Spaß gemacht wie uns.
Klaus: Vielen Dank fürs Zuhören.
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