Unterwegs am wilden Lech
Shownotes
Wenn ein Fluss frei fließen darf, bietet er unzähligen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum. Warum das so ist, erklärt uns Nora Schneider, die Geschäftsführerin des Naturparks Tiroler Lech. Musiker Toni Knittel erzählt, wie er mit seiner Band Bluatschink gegen Kraftwerkspläne ansang – und wie eine alte Lech-Sage zum Symbol für den Schutz des Flusses wurde. Als Draufgabe gibt’s eine Musikeinlage von Bluatschink.
Die wichtigsten Links:
- Naturpark Tiroler Lech https://www.tirol.at/aktivitaeten/ausflugsziele/naturparks/naturpark-tiroler-lech
- Raften & Kajaken https://www.tirol.at/aktivitaeten/sport/raften-kajaken
- Lechweg https://www.tirol.at/aktivitaeten/sport/wandern/wandertouren/lechweg
- Die schönsten Canyoning Strecken in Tirol https://www.tirol.at/aktivitaeten/sport/canyoning
- Bluatschink https://www.bluatschink.at/
- Iseltrail https://www.tirol.at/aktivitaeten/sport/wandern/wandertouren/iseltrail
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00:01:00: Klaus: Ja, Lisa, das ist schon ein spezieller Ort hier am Lech. Äh, im Gegensatz zu den anderen Flüssen, die ich so kenne, ist das einfach komplett unverbaut und irgendwie wild hier. Lisa: Ja, der Fluss hat unglaublich viel Platz zu fließen und in dieser Episode finden wir heraus, warum das für die Tiere und Pflanzenarten so unglaublich wertvoll und schützenswert ist. Klaus: Genau, wir sprechen mit zwei Personen, die einen ganz besonderen Bezug zum Lech haben. Lisa: Zum einen mit Nora Schneider vom Naturpark Tiroler Lech. Sie erklärt uns die ganzen naturkundlichen Besonderheiten hier. Klaus: Und Toni Knittel, genau the one and only Bluatschink. Er war damals mitverantwortlich, dass der Lech heute so natürlich ist, wie er ist. Lisa: Und es gibt auch noch Musik von ihm. Speaker: Ausflüge. Der Tiroler Reisepodcast Lisa: Wir sind jetzt hier am Balkon des Naturparkhauses auf der Klimtbrücke, sagt man, gell? Ähm, vielen Dank, liebe Nora, dass du dir Zeit nimmst für uns. Nora: Ja, hallo, herzlich willkommen hier im Naturpark Tiroler Lech.Danke. Ja, Nora, ähm, hier am Lech, da sind wir an einem sehr besonderen Ort, weil es ist ja einer der letzten wilden, größtenteils unverbauten Wildflüsse der Alpen. Und jetzt ist es was, wenn man sich die Karten Europas anschaut, ist es wirklich was nicht sehr Häufiges. Oft sind es diese geraden blauen Striche, während hier jetzt einfach der Fluss sozusagen fließen darf. Ähm, kannst du uns kurz erklären, warum das eigentlich so selten ist inzwischen? Nora: Mhm. Also insgesamt sind Flüssen, sind Flüsse selten geworden, weil sie natürlich verschiedenen Interessen auch weichen. Also die Menschen haben viel die Flussräume verbaut, sie wurden immer enger. Ähm, auch in Hinsicht auf den Hochwasserschutz hat man sie verbaut, hat man sie reguliert und heute weiß man aber, dass der beste Hochwasserschutz eigentlich auch ist, den Flüssen wirklich Raum zu geben. Und, ähm, so in diesen ganzen verschiedenen Interessenskonflikten sind die Flüsse eigentlich immer mehr geschwunden in dem, was sie, was Wildflusscharakteristik eigentlich ist. Wenn er sein Flussbett formen kann, wenn Geschiebe nachkommt, wenn Wasser nachkommt, es Schotterbänke sich bilden können, ähm, Auwälder drumherum auch durchströmt werden, dann wird es so in, in Richtung wieder der Wildfluss-, ähm, landschaft zurückgehen. Lisa: Mhm. Also eigentlich so ganz verästelt auch ein bissl, oder? Nora: Genau, es ist ein ganz dynamisches System. Ähm, der Fluss mäandriert, der Fluss, ähm, prägt die Landschaft, gestaltet sie immer wieder neu. Ähm, Wasser, also die Wasserschwankungen sind natürlich übers Jahr verteilt und die bilden dann ganz verschiedene, ähm, Lebensräume auch, wo unterschiedlichste Arten vorkommen und eine enorme Vielfalt, also an Lebensräumen selbst, wie jetzt das Flussbett selber, ähm, das Flusswasser, die Uferbereiche, die Auwälder und auch die ganzen Seitentäler, die das Flussbett natürlich speisen mit Geschiebe und Wasser.
00:03:00: dann ist es eigentlich ein Wassernetzwerk. Der Hauptstrom wird gespeist durch ganz viele Nebenarme und, ähm, nur so funktioniert dann dieses dynamische, in sich intakte System. Lisa: Und wenn man hier von oben auf den Lech schaut oder auch, ähm, bei Forchach von der Brücke runter, da ist es so breit. Man hat das Gefühl, er nimmt fast das ganze Tal ein, dass das gelungen ist, dass der Lech hier so viel Platz hat. Das war ja aber nicht immer klar, oder? Da hat's viel gebraucht, dass sich, hat sich auch die Bevölkerung eingesetzt, dass es hier jetzt ein Naturschutzgebiet gibt. Nora: Mhm. Natürlich, ein Fluss nimmt auch Raum ein und da gibt's natürlich dann auch Konflikte. Ähm, hier waren die Menschen natürlich auch, ähm, also in Jahrhunderten zuvor extrem arm und auch abhängig vom Land, also auch von Wald, aber auch Siedlungsraum, ähm, von Landwirtschaft. Und da war auch immer 'ne, mhm, ein Bestreben, diesen Fluss auch zu regulieren, damit man eben auch seine Existenz erhalten kann. Und deswegen wurde der Fluss auch teilweise verbaut. Ähm, er wurde reguliert, eingedämmt. Man dachte auch, das ist der beste Hochwasserschutz, dass man das Wasser schnell abströmen lässt, dass man ihn, ja, dass man eigentlich, ähm, Handhabe hat über die Natur und diese Kraft, die der, die der Fluss mit sich bringt, dass man die auch zähmt. Und ähm- Oh ja, hier wurde dieses Tal wurde dann nie extrem reguliert, aber er war natürlich in, in, in gewisse Bahnen auch gezwängt. Und das sieht man auch heute noch hier und da. Aber es haben auch ganz große Renaturierungsprojekte stattgefunden, weil seit 2000 gehört dieses Schutzgebiet zum Natura-Netzwerk 2000 und, ähm, es ist Naturschutzgebiet und da in diesem Zuge haben große Life-Projekte stattgefunden, die, ähm, an vielen Stellen des Lechs ihn wieder reg-, also redynamisiert haben und ihm so seine, seine ursprüngliche Form zurückgegeben haben.
00:05:00: Ja, wie das damals war mit den Bürgerbewegungen, den Bürger- und Bürgerinnenbewegungen und Protesten und so weiter. Ich glaube, eine turbulente Zeit. Das hören wir dann später noch vom Toni Knittel. Ähm, von dir als Naturschutzexpertin würde mich natürlich interessieren: Was sind denn das so für Tiere und Pflanzen, die einfach wirklich auch selten sind und die aber hier wegen ein, wegen der Deregulierung sozusagen weiter existieren? Nora: Mhm. Also ich habe schon gesagt, das ist sehr vielfältig, dieses System. Und, ähm, ich glaube, es ist auch erstaunlich, weil wenn man zuerst mal auf den Fluss schaut oder grad im Sommer auf dieses karge Flussbett, auf dieses weite, karge, trockene Flussbett, dann geht man erst mal davon aus, dass hier gar nicht so viel Leben ist. Und oft ist es aber so, dass wenn man dann ins Detail geht und genau hinschaut und auch mit Wissen rangeht, ähm, dann entdeckt man enorm viel Leben. Und, ähm, das ist zum Beispiel jetzt so auf den Schotterbänken. Auf den Schotterbänken, die sind schon ganz spezielle, ähm, Räume, die Tierarten und Pflanzenarten Raum geben, die, ähm, sehr, sehr schnell, ähm, konkurrieren. Nora: Heißt, das sind Pionierstandorte. Also jetzt ganz, ganz, ähm, einfaches Beispiel: Die deutsche Tamariske. Das ist eine Zielart und die ist ein Zeiger dafür, dass ein Flusssystem intakt ist. Wenn die Tamariske, ähm, auf den Schotterbänken vorkommt. Dann heißt es, dass diese Schotterbänke immer wieder überflutet werden. Denn sie hat ein extrem tiefes Wurzelwerk und dann ist sie gut im Boden verankert, hat sehr, sehr biegsame Zweige und wenn das Hochwasser kommt, dann, ähm, strömt es über sie hinweg und sie richtet sich danach wieder auf. W-Währenddessen aber sind die ganzen Weiden, die vielleicht drumherum sich angesiedelt haben, werden vom Hochwasser weggerissen und sie hat dann wieder Licht und Raum und wächst weiter. Und das ist genau dann eben ein Zeiger dafür, dass ein System intakt ist. Heißt also beim Flusssystem auf jeden Fall immer wieder auch Hochwasser, also Niedrigwasserstände, dann wieder Hochwasser. Und so sind das, also haben wir verschiedenste Arten, die, ähm, dieses Gebiet natürlich auch auszeigen, auszeichnen und die sind immer auch Zeigerarten für einen ganzen Lebensraum. Also wenn die da sind, dann heißt, dann heißt das, dass das System an sich dann intakt ist. Und so gibt’s natürlich das auch für den Auwald, ähm, für die Uferbereiche, für die Seitentäler. Lisa: Ich find das ganz wichtig, dass du das sagst, weil oft denkt man bei einem Fluss nur an das Wasser. Nora: Mhm. Lisa: Aber es gehört so viel dazu, die Uferbänke, die Auwälder, wie du sagst. Und wie passt das jetzt zusammen? Weil es ist ja so ein spannendes Bild. Es schaut aus wie unberührte Wildnis. Das ist natürlich auch anziehend für viele Besucherinnen und Besucher. Wie ist da das Zusammenleben zwischen Naturschutz und den Erholungssuchenden, den Äh Bewohnern hier im Lechtal, aber natürlich auch Urlauberinnen und Urlaubern, die hierherkommen, hm. Nora: Ja, ich glaub, da sprichst du was Wichtiges an, weil, ähm, noch mal ein bisschen auf-auszuholen: Ein Fluss oder ein, vor allem ein naturnaher Fluss hat unglaublich viele Funktionen. Also Funktionen für das gesamte Ökosystem, aber auch für uns Menschen, weil er ist natürlich auch ein wichtiger Erholungsraum und ein Lebensraum. Also das ist auch das Spezielle hier. Es sind natürlich auch Lebensraum für die Menschen, die hier leben, die Einheimischen. Ähm, und gleichzeitig kommen Gäste, die diesen Raum hier auch schätzen und wertschätzen. Und es sind sehr viel naturverbundene Menschen, die genau solche, ähm, Naturräume auch aufsuchen und die sich dann auch entsprechend verhalten wollen. Die sind wissbegierig, die sind, ähm, die, die schätzen diese, diese Landschaft hier wert. Und, ähm, es ist natürlich auch eine große Faszination, weil Flüsse sind auch Symbol von, ähm, Freiheit zum Beispiel oder sie, sie, sie, sie, ähm, machen, glaube ich, sehr viel mit uns Menschen. Lisa: Und das ist ja so spannend auch. Du hast den Weitwanderweg erwähnt. Man kann da wirklich am Ursprung, wo so ein kleines so Rinnsal dann auch zum Berg mehr oder weniger kommt, äh, entlangwandern, bis der Lech eben hier so breit wird mit den ganzen Zuflüssen, die du erwähnt hast. Ich finde das auch so spannend, an einem Fluss einfach zu sehen, wie etwas so wächst, oder? Nora: Ja, ich glaube, das ist auch das Schöne, dass man hier den Verlauf miterleben kann. Also er entspringt ja im Lechtquellgebirge beim Formarinsee und dann ist er erst mal ein ganz kleiner, ähm, Bach, der da, ähm, quirlig fließt und, ähm, wird dann langsam immer mehr, also durch das, also durch Wasser, das dazukommt, wird er mehr größer und, ähm, das Gelände ist aber noch relativ steil, heißt, er ist auch ein bisschen schmaler in seinem Verlauf, im Profil. Und dann wird er, wenn das Gelände dann langsam, ähm, flacher wird, dann prägt sich diese große, weite Flusslandschaft aus. Und das sieht man hier eigentlich auf relativ wenig Kilometer, wie sich der Fluss ganz in seinen natürlichen Verlauf entwickelt. Ja. Und auch im Jahresverlauf. Also wenn man hierherkommt, das ist immer anders.
00:10:00: ich kenne auch Fotos, wo er komplett so ganz türkisblau ist. Nora: Ja. Lisa: Ja, wie ist das? Nora: Ja, das ist spannend, weil eigentlich ist es jeden Tag anders, wenn man herkommt. Also jetzt heute Nacht hat's geregnet. Jetzt kommt er erst mal ein bisschen als, ähm, braune, als braune Masse daher und, ähm, ist aber innerhalb kürzester Zeit kann's dann sein, dass er sich, ähm, dass es sich aufklart und dann sieht man ihn in dieser sehr, sehr schönen türkisfar-farbenen, ähm, Färbung. Und das kommt auch daher, dass er einfach so sauerstoffreich und also einfach rein ist. Also es ist ein ganz, ganz klares Wasser und das ist, weil er hier einfach noch sehr, ich sage, jung, also hier einfach entspringt, dann noch in, in Vorarlberg und dann in Tirol ja auch noch recht, ähm, frisch ist. Und, ähm- Dann, dann ist eigentlich so die Mineralien, die in diesem Wasser gelöst werden, die schimmern dann im Sonnenlicht und werden dann ganz türkisblau. Nora: Und es ist so kalt, als dass sich Algen hier ansammeln könnten. Wir dann Algen bringen dem Wasser immer so 'ne grünliche Farbe. Lisa: Mhm. Also der Lech ist eigentlich immer irgendwie fünf, sechs Grad kalt. Stimmt das? Nora:Ja. Das ganze Jahr schon. Also zwischen fünf und acht Grad. Ja, genau. Lisa:Und wie ist es, ähm, sich da nach dem Wandern die Füße abzukühlen? Wann ist es möglich? Ist es eigentlich gar nicht möglich, weil es ein Naturschutzgebiet ist? Mhm Nora: Also als Naturschutzgebiet ist es natürlich Lebensraum für ex, eine, eine extrem große Vielfalt und dazu gehört natürlich auch der Mensch. Er ist Naturgebiet und er ist Erholungsgebiet. Und, ähm, natürlich kann man den Fluss auch, kann man darin waten und kann vielleicht auch mal in den Gumpen, ähm, baden gehen. Aber wir haben jetzt zum Beispiel gerade ist Brutzeit, also von April bis Ende Juli ist, ähm, Brutzeit der, der Flussuferläufer und Regenpfeifer. Das sind zwei ganz besondere Vogelarten, die von weither hier heranziehen und ihre Jungen, ähm, aufwachsen lassen. Und in dieser Brutzeit, ähm, bitten wir die Menschen, ähm, informieren sie nicht, auf die Schotterbänke zu treten. Grade auch die zentralen Schotterbänke, die, ähm, vom Wasser umflossen sind, weil das ist einfach noch so ein Rückzugsraum für wirklich extrem geschützte und, ähm, vom Aussterben bedrohte Arten. Und da versuchen wir immer, 'ne gute Balance zu schaffen, dass natürlich gibt's auch Räume, wo Menschen dann an den Fluss gehen können, gerade auch an den Brücken. Ähm, das sind Räume, wo, wo Menschen auch die, auch auf die Schotterbänke dann gehen. Und so halten wir immer die Balance zwischen Naturschutz und Erholung. Für alle, ne, also für die Einheimischen als auch für die, für die Gäste. Klaus: Ja, das war sehr, sehr spannend. Vielen Dank, liebe Nora, für dieses super Gespräch.Ähm, neben den vielen Pflanzen und Tieren im Lech gibt es auch noch ein anderes Wesen, ganz ein besonderes. Ich nehme an, du hast den Bluatschink schon mal gesehen? Nora:Gesehen noch nicht, aber viel davon gehört. Okay, ja. Klaus: Was es damit auf sich hat, das erzählt uns jetzt die Goas, die alles weiß.
00:13:00: Lisa: Ja, jetzt wissen wir alles über das Fabelwesen, den Bluatschink und die Legende Toni Knittel ist jetzt hier bei uns. Vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst. Toni: Der andere ist der Bluatschink, wo beißt. Wir sind der Bluatschink, der singt. Lisa: Ja, und dein Werk als Musiker, dein Schaffen ist ja mit diesem Fluss untrennbar verbunden. Toni: Ja. Lisa: Kannst du mal uns mitnehmen, wie du zum Dialektmusiker geworden bist um diesen Fluss zu schützen? Toni: Ja, das kann ich ganz genau. Und zwar am 6.6.1990 hat der WWF eine Tonbildschau vorgestellt, wo man vor allem den Lechtalern selber mit schönen Bildern klar machen wollte, was sie da für einen Schatz haben. Selber ist man oft ein bisschen betriebsblind, weil für uns ist das alles selbstverständlich, auch da unten diese weiten Verwilderungsstrecken, ja, Schotterhaufen, oder? Und wenn das allerdings klar ist, dass da Wissenschaftler aus ganz Europa, aus dem ganzen Alpenraum kommen, hier ein funktionierendes Fußsystem zu dokumentieren oder zu studieren, nachher wird man vielleicht ein bisschen mehr darauf aufmerksam, dass man das schützen sollte.Und dann habe ich gesagt, das war aber eine Tonbildschau, die war glaube ich zwanzig, fünfundzwanzig Minuten lang und ich war der technisch Beauftragte. Das war damals nichts PowerPoint, sondern mit zwei Dia-Projektoren war ein bisschen knifflig, mit SMT gesteuert. Und dann haben ich mir das daheim aufgebaut und mal selber angeschaut, ganz allein in der Stube. Toni: Und dann kommt dieses Bild vom Schnarrschreck, diese gefleckte Schnarrschrecke, die halt da auf den Steinen umeinander hupft und der Text war, wenn diese ganzen Projekte kommen, wenn der Lech verbaut wird und wenn diese Projekte kommen, dann ist der weg. Und das hat mich brutal traurig gemacht, weil mit dem Viech bin ich aufgewachsen. Wenn wir da am Lech gebildet haben, musst du dir ein bisschen vorstellen wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn, aber halt nicht am Mississippi, sondern am Lech mit Floßfahren und so weiter. Dann ist der natürlich auf die Steine herumgehüpft mit seinem schnarrenden Geräusch. Und dann denke ich echt, dann ist der weg, das der-- Und dann war ich so traurig, richtig traurig. Und dann denke ich, wenn ich es schaffe, dass ich diese Emotion wenigstens bei ein paar Prozent von meinen Lechauer Kollegen und Kolleginnen erzeuge, dann haben wir vielleicht eine Chance. Das probiere ich jetzt mit Musik. Und nachher war klar, es ist ein Lechauer Thema. Es sitzen Lechtaler auf der Bühne, es sind Lechtaler unten.Dann singst du nicht auf Englisch und auch nicht auf Hochdeutsch, weil das ist für einen Lechtaler schon die erste Fremdsprache. Und deswegen war klar Dialekt. Und so sind halt diese ersten Lieder entstanden, das Lied vom Bluatschink und das Lied vom Haarschreck. Das war bei diesen ersten Auftritten in Holzgau und in Weißenbach am 6. und am 7. Juni 1990 dabei. Lisa: Ja, nimm uns doch bitte mal mit in die Zeit. Also ich glaube, es war sicher auch ein bisschen konfliktiv, sage ich mal. Also das war sicher eine turbulente Zeit. Die einen sind dafür, die anderen wollen das Kraftwerk. Erzähl uns doch mal, wie war denn das? Toni: Also heute kriegt man es mehr mit. Die Leute sagen immer, die Leute, das ist alles so zerstritten und, und die Gesellschaft ist so gespalten. Das war sie immer schon. Du hast es halt nicht so mitkriegt, weil damals hast du vielleicht diskutiert über, über Leserbriefe in der Lokal, in den Lokalzeitungen. Da hast du immer eine Woche dazwischen. Toni: Heute durch Facebook überall, da geht das so schnell. Zack, zack, zack. Viele schreiben dann ohne Nachdenken und du hast immer eine Woche Zeit gehabt, um wieder darauf zu antworten. Und es waren sehr viele Diskussionen. Da sind teilweise die Risse durch die Familien gegangen, wo die ältere Generation gesagt hat: "Nein, wir haben da die, die, diese, äh, Prämisse, da wo eine Straße hingeht, wo ein Kraftwerk ist und wo ein Lift steht, in Tirol, da geht's den Leuten gut." Das war natürlich vielleicht in den 50er, 60er Jahren verständlich. Und dann hat es aber schon langsam auch die Erkenntnis geht, äh, na ja, langsam wird's zu viel. Und deswegen war meistens schon die junge Generation schon ein bisschen auf der Bremsen. Und deswegen war das natürlich damals schon, also ich habe zum Beispiel, damals hat ja noch der, mein Kollege, der Peter Kaufmann, mitgesungen und der war erst neunzehn. Den wollte ich gar nicht mitsingen lassen, weil ich habe gesagt: "Du hast keine Ahnung, in was für Wespenest wir da jetzt stechen." Ja, wir machen nicht, ich war davor Tanzmusiker und ein Tanzmusiker auf der Bühne, Hollereiterdulö, machst du jedem recht. Da habe ich gewusst, mit denen Liedern machen wir ein paar Leute richtig unbeliebt.
00:18:00: ersten Auftritt habe ich daheim quasi so eine Art Vorpremiere gehabt vor meiner Familie und der Peter war dabei und der Peter hat dann den Haarschreck gehört. "Da singe ich mit. Da singe ich mit. Das Lied ist so schön, ich muss da mitsingen. Und ich: "Ja gut, dann sing halt mit. Ist für mich einfacher, wenn wir zu zweit sind." Und das war natürlich dann schon, damals war es ja nicht Facebook, sondern der Anrufbeantworter, wo dann halt so Sachen drauf waren: "Trottel, Sau blöderr, versaufen sollt ihr im Lech mit dem Blutschink, du Lapp, du Schirch." Solche Sachen waren dann halt drauf. Aber Bluatschink war vielleicht das Auffälligste oder das, wovon man heute noch redet, aber da waren so viele Leute auch im Hintergrund tätig, jeder mit seinem Fachwissen. Und dieses Zusammenspiel von diesen ganzen Faktoren hat brutal, äh, äh, wichtige Rolle gespielt. Lisa: Hat dich diese Musik über den Lech im Lechtaler Dialekt ja auch auf eine besondere Reise mitgenommen. Lisa: Du bist dann natürlich einmal zumindest in ganz Österreich mit deiner Musik, äh, sehr bekannt geworden. Hättest du das damals gedacht, dass im Lechtaler Dialekt, der ja schon für uns Tirolerinnen und Tiroler manchmal schwierig zu verstehen ist, es möglich ist, diese Inhalte so weit zu verbreiten, so viele Menschen damit zu erreichen? Toni: Da muss man ehrlich sagen, das ist passiert. Weil wenn du jetzt sagst, ich möchte ein Musikprojekt auf die Beine stellen, das möglichst im süddeutschen Raum Bayern, Österreich, dann überlegst du dir nicht den Namen Bluatschink. Dann singst nicht im Dialekt. Und das war eigentlich das Gute. Das war überhaupt nicht die Idee. Toni: Die erste Idee war die Lechtaler. Die zweite Idee war dann in Tirol. Das hat am Anfang ganz, ganz gut funktioniert. Und dann hat sich aber herausgestellt, diese Sprache, wo man gedacht hat, das ist eher Handicap, war in Wirklichkeit, äh, äh, ein Vorteil, weil es hat einen ganz hohen Wiedererkennungswert. Ist oft so, öh, Austropop oder so, ja. Das weiß man oft nicht. Ist es der oder der, wenn sie Wienerisch singen oder Steirisch oder so. Aber da hat jeder gewusst, also wenn's irgendwie Deutsch ist und man versteht es trotzdem nicht, dann ist es wahrscheinlich Bluatschink Klaus: Was würdest du jetzt sagen, so auf, ähm, in, in der ganzen langen, langen Musikhistorie, wenn wir einfach vom Schutz des Lechs reden, was sind so die prägendsten Songs, die wichtigsten Lieder von dir? Toni: Es war interessant. Klar war diese Lechgeschichten und Umwelt, äh, das Erste, die Initialzündung. Aber wie wir dann sehr viele Konzerte gegeben haben, da hast du natürlich auch sehr viele Begegnungen. Und wenn du von Haus aus so Radarantennen eingebaut hast für Themen, dann hupft die natürlich sehr vieles an. Toni: Da waren dann sehr viele zwischenmenschliche Geschichten. Da waren sehr viele soziale Geschichten. Zum Beispiel mit "Blume in der Scherbe", wo wir 2002 bei der Sonnenkreis-Vorausscheidung mitgemacht haben. Das war ein Benefizkonzert für Flüchtlinge aus Bosnien. Und wenn du diese Geschichten hörst, was die in diesem Krieg erlebt haben, also als Künstler, da, da, da musst du dann daheim das irgendwie dir von der Seele schreiben. Und ich habe eine Erfahrung gemacht: Wenn du irgendetwas singst, was dich selber berührt, dann hast du auch Chance, andere zu berühren, weil das merken die Leute nämlich. Ob das irgendwie so eine nullachtfünfzehn Geschichte oder, oder jemand anders hat die geschrieben oder es ist wirklich deine Geschichte. Das ist ein bisschen das Problem, muss ich sagen, vom Haarschreck, weil natürlich habe ich am Anfang diese Haarschreck-Geschichte unglaublich wahrscheinlich sehr intensiv gesungen, weil mir das ein Riesenanliegen war, das zu schützen oder diese, dieses Bewusstsein, es könnte dem Haarschreck einen Kragen geben. Das, das hat mich so fuchsteufelswild gemacht auf der anderen Seite. Das habe ich so unglaublich intensiv gesungen, dass die Leute richtig: "Was ist denn jetzt los?" Da packt mich irgendetwas emotional ganz an. Und heutzutage ist der-- Wir singen nur noch ganz selten, weil in Wirklichkeit geht's ihm inzwischen ganz gut. Man muss immer noch aufpassen und schauen, ob das alles, ja, es passt, aber eigentlich geht's dem viel besser wie damals. Diese, dieser, diese Trauer oder dieser Zorn ist da weg. Das ist eher jetzt was, äh, Versöhnliches, was man da spürt dabei. Oder? Und, äh, dieses Intensive über die Gefühle, deine eigenen zu erzählen, das kann bei anderen Menschen Gefühle auslösen. Lisa: Ja, und ich würde sagen, es freut uns sehr, dass du auch deine Gitarre und deine Frau und musikalische Partnerin Margit mitgebracht hast und dass wir jetzt noch Musik von dir hören dürfen. Toni: Ja, das machen wir, weil nur über Musik reden ist das eine, aber Musik selber vorsingen ist schon viel besser. Margit uns Toni: Am Lech entlang kann ich mich ganz einfach treiben lassen. Am Lech entlang, die Gedanken fließen frei wie das Wasser. Am Lech entlang gehst du Schritt für Schritt von der Quelle bis zum Fall. Am Lech entlang spürst du Schritt für Schritt so viel Wunder überall.
00:23:00: Und i möcht glus sei wie es und i möcht mi wera kenna. Und i möcht stark sei wie es, möcht manchmal weinen kenna. Aber i hätt so gern verleiba mit meim Freund, dem Lech a Dechtelmechtel. Weil i bin nur a klana Haarschreck im Lechtal. Toni: Ich bin und ich bleib a kleiner Haarschreck im Lechtal Lisa: Ja, das war unser Hörausflug an den Tiroler Lech. Der Toni Knittel hat uns gerade noch erzählt, dass er selbst so gerne am Lechwanderweg unterwegs ist, hundertfünfundzwanzig Kilometer von der Quelle bis zum Lechfall in Füssen. Klaus: Und auch für Abenteuerlustige gibt's hier ein riesiges Angebot. Canyoning, Rafting, Wildwasserschwimmen ist alles möglich hier. Lisa: Für Flussfans seien natürlich unbedingt auch noch die Isel in Osttirol erwähnt. Klaus: Alle Infos zum Lech und zu den Attraktionen hier zum Naturschutzgebiet findet ihr in den Show Notes verlinkt. Vielleicht habt ihr eine Idee, wo unser nächster Hörausflug hingehen soll. Schreibt uns doch an info@tirol.at. Lisa: Bis zum nächsten Mal. Klaus: Pfiad Enk!
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