In der Eishöhle am Hintertuxer Gletscher

Shownotes

Eishöhle, Gletschersee und das tiefe Unbekannte – Was verbirgt sich hinter der unscheinbaren Gletscherspalte am Hintertuxer Gletscher? Lisa & Klaus treffen Roman Erler, den Entdecker des Natur-Eis-Palastes. Wie hat er die Höhle gefunden? Und warum macht sie selbst Wissenschaftler sprachlos? Heute ist die Gletscherhöhle begehbar – mit Bootsfahrt auf einem verborgenen See! Nirgends sonst in den Alpen ist ein Gletschersee bekannt, der tief unter dem Eis liegt. Auch für Eisschwimmer und Stand-Up-Paddler ist der See interessant. Schwimmen unter der Skipiste, das geht? Am Hintertuxer Gletscher im Zillertal schon! Und welchen Einfluss hat der Klimawandel auf das Spektakel? Doch diese Episode taucht nicht nur in die Eishöhle, sondern in viele Besonderheiten des Zillertals ein – von Gauderbock bis Doggln. Ein eiskaltes Abenteuer mit Tradition bei Hörausflüge, dem Tiroler Reisepodcast.

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Roman Erler: In dem Bereich war nie was zu sehen und deshalb war die kleine Spalte mit zehn, zwölf Zentimeter für mich interessant. Und ich hatte ja Steigeisen an den Füßen dran und Steileisgerät im Rucksack und da bin ich einmal rauf gestiegen und dann habe ich gesehen, "Ja Halleluja, das ist ja wirklich fünf, sechs Meter breit und direkt oben drauf die Skipiste".

Lisa: Ja, das sagt Roman Erler. Er ist Abenteurer und Bergführer und 2007 hat er eine riesige Eishöhle entdeckt und das mitten im Skigebiet unterhalb der Skipiste.

Klaus: Ja und nicht irgendwo, sondern auf 3.250 Metern mitten im Skigebiet vom Hintertuxer Gletscher.

Lisa: Und dahin können wir euch heute mitnehmen auf diesen eisigen Hörausflug. Wir sind Klaus Brunner...

Klaus: Und Lisa Prantl.

Lisa: Und wir sind für euch in Tirol unterwegs, um das eine oder andere Hörabenteuer mit euch zu teilen.

Klaus: Übrigens, wenn euch unser Podcast gefällt, wir freuen uns auf einen Kommentar und eine positive Bewertung natürlich.

Intro: Hörausflüge, der Tiroler Reisepodcast.

Lisa: Ja, das war wirklich ein besonderes Erlebnis, allein schon rauffahren auf fast 3.300 Meter in mehreren Gondelfahrten. Die Aussichten haben mich schon einfach mal fasziniert.

Klaus: Ja, es war wirklich unglaublich. Wir waren da zu viert: Mein Sohn, eine befreundete Geologin, du und ich sind da raufgefahren auf den Gletscher. Eisig war's, windig war's. Ähm, und dann kommt man da oben raus auf den Gipfel, hat zuerst mal eine super Aussicht auf den Olperer.

Lisa: Ich muss zugeben, ich war beim Rauffahren schon ein bisschen nervös, weil ich bin eigentlich nicht der Typ, der sich in einen Gletscher hineintraut.

Klaus: Mhm.

Lisa: Man stellt sich da vor, man muss sich 20 Meter abseilen in irgendeine Gletscherspalte oder so. Aber diese Gletscherhöhle macht das Erlebnis zugänglich. Auch für Menschen, die vielleicht nicht so sportlich sind, gell?

Klaus: Ja, es ist eigentlich relativ einfach sogar. Also wenn man oben ist auf der Bergstation, dann geht man die Piste ein Stück weit hinunter und dann ist da dieser kleine, eigentlich unscheinbare Eingang. Und dann plötzlich ist man in einer ganz anderen Welt, eine Eishöhle, also alles ist eisig.

Lisa: Alles ist aus Eis.

Klaus: Ja, alles ist aus Eis. Und dann gibt es diese Leitern, die in das Eis reingetrieben sind und hier und da ist es dann auch schön beleuchtet und es ist wie so ein Labyrinth und es war eigentlich wirklich, also, ja, eine andere Welt.

Lisa: Es war total abenteuerlich, also man steigt da eine Treppe runter, dann gibt's riesige Eiszapfen und so geht man durch diese Gletscherhöhle durch, bis man irgendwann zu einem See kommt.

Klaus: Völlig verrückt, ja.

Lisa: Man kann sich nimmer vorstellen, dass jetzt noch was kommt, gell.

Klaus: Genau, das ist dann schon der Höhepunkt dieser Tour. Man glaubt es kaum, da ist mitten in der Gletscherhöhle ist so ein, ich würde mal sagen 80 Meter großer See und wir sind da wirklich mit dem Schlauchboot draufgefahren.

Lisa: Noch viel abenteuerlicher war es aber bestimmt für Roman Erler, als der zum ersten Mal in diese Eishöhle reingestiegen ist.

Klaus: Ja, unglaublich. Also schon ein wilder Hund, muss man sagen, einfach. Ein kleiner, dunkler Spalt und er gräbt sich da einfach mal nach vor und irgendwann seilt er sich ab und so weiter. Ich kann mir das gar nicht vorstellen.

Lisa: Ich habe oft den Kopf geschüttelt und gestaunt, als er uns davon erzählt hat, aber er erzählt es uns jetzt gleich selber. Wir sind nämlich dann runtergefahren mit ihm gemeinsam vom Gletscher zu ihm nach Hause, nach Ginzling. In der warmen Stube war es dann doch gemütlicher zum Sprechen.

Klaus: Aber bevor wir ins Interview rein starten, habe ich noch ein schönes Dialektwort aus dem Zillertal. Ofdang. Was heißt Ofdang?

Lisa: Das hört man wirklich oft, wenn man im Zillertal unterwegs ist. Wir haben mit Roman Erler über seine Kindheit, seine unzähligen Entdeckungen und Abenteuer gesprochen und natürlich auch über die Vergänglichkeit der Gletscher. Ofdang geht's los.

Klaus: Wir sitzen hier in der Stube in Ginzling im Zillertal zu Hause bei Roman aus dem Eis, dem Entdecker des Natur-Eis-Palastes. Vielen Dank für deine Zeit.

Roman Erler: Ja, schön, dass ihr zu uns gekommen seid.

Klaus: Roman, du bist auf 1740 Metern auf einer Alm aufgewachsen und du bist auch schon sehr jung zur Bergrettung gegangen. Glaubst du, dass man einfach einen anderen Bezug zum Hochalpinen, zu den hohen Bergen hat, wenn man so aufwächst?

Roman Erler: Ja, oder generell, wenn man konfrontiert wird mit den Bergen, das ist schon mal Voraussetzung, ja, und von klein auf das auch hat. Und dann auch noch Leute hat, wie zum Beispiel mein Vater, der war Waldaufseher, ist man immer mit in der Natur. Wir haben einen Bergbauernhof auch mitbewirtschaftet von meinem Onkel. Und wir waren als Kind eigentlich immer draußen. Und uns hat das immer gelockt. Ja, wir wollten rauf in die Berge. Das war was Geheimnisvolles. Was ist da oben? Was versteckt sich in diesen Karen da oben? Gibt's da oben Kristalle? Gibt's da oben Gletscher? Gibt's da irgendwas Interessantes sonst, was wir erforschen und so weiter können? Und es war eigentlich immer für uns ein Reiz da. Und das hat uns immer, auch meine Geschwister und so weiter, richtig hinaufgezogen. Möglichst weit rauf bis auf die höchste Spitze.

Lisa: Ja, jetzt als Bergretter und auch als Bergführer, natürlich ist es ja eher deine Aufgabe, die Menschen vor den Naturgefahren des Gletschers zu bewahren. Im schlimmsten Fall vielleicht sogar aus einer Gletscherspalte zu retten. Mit dem Natur-Eis-Palast ist der Gletscher aber jetzt viel zugänglicher geworden für viele Menschen, die diesen Gletscher jetzt da ganz intensiv erleben können. Tut es dem Gletscher denn eigentlich gut, dass er da jetzt noch ein bisschen mehr zur Attraktion wird?

Roman Erler: Also wir haben einen Forschungsauftrag und auch einen Bildungsauftrag - Aufklärung, Bewusstmachen. Wie funktioniert ein Gletscher? Wo ist es gefährlich? Ja, das ist eigentlich auch mit unsere Aufgabe, nicht nur jetzt die Schönheit herzuzeigen, sondern auch Wissen zu vermitteln. Und wenn man Gletscher studieren will, oder speziell das Innere eines Gletschers studieren will, dann ist man bei uns natürlich ganz richtig.

Lisa: Ich würde jetzt gerne nochmal zurückgehen an den Tag der Entdeckung, als du diese nur zehn Zentimeter große Gletscherspalte entdeckt hast. Kannst du uns da mal mitnehmen, wie du das so erlebt hast?

Roman Erler: Also ich bin damals von einer Bergtour zurückgekommen. Und dann komme ich die Piste Nummer 5 Richtung Gefrorene Wand zum Gletscherbus rauf. Und die Piste Nummer 5 ist eigentlich der steilste Platz vom ganzen Gletscher und, und das ist bemerkenswert, der einzige Platz, wo es keine Spalten gibt. Normal gilt natürlich die Regel, je steiler ein Eisstrom, umso größer die Dynamik, umso mehr müsste es eigentlich zerreißen. Und wie gesagt, in dem Bereich war nie was zu sehen und deshalb war die kleine Spalte mit 10, 12 cm für mich interessant. Und die war jetzt nicht etwa oben auf der Piste drauf, das war seitlich im Gletscher, in einer hohlen Geländeform, wir nennen das einen Windkolk. Ja, und da war in 10, 15 Meter Höhe oben eine kleine Öffnung und ich hatte  Steigeisen an den Füßen dran und Steileisgerät im Rucksack und da bin ich einmal rauf gestiegen und wie ich da rein schaue, war mir nicht sicher, täuscht es jetzt, draußen blendet es, drinnen ist es dunkel. Und da bin ich noch einmal runtergegangen, hab mir den Rucksack, also die Lampe aus dem Rucksack noch einmal geholt und hab dann reingeleuchtet. Und dann habe ich gesehen, "Ja Halleluja, das ist ja wirklich fünf, sechs Meter breit und direkt oben drauf die Skipiste". Und dann war es klar, dass ich da mal aufmachen muss. Und dann habe ich dann ein paar Tage später mal Zeit gehabt. Und dann habe ich dann mit dem Spaltenberge-Meißel, das ist ein Rettungsgerät für Klemmspalten, da mal aufgebrochen. Und dann war der Weg erstmalig da rein, sozusagen frei.

Lisa: Ich finde das so spannend. Da muss man ja sehr aufmerksam sein. Zum einen, dass man das sieht, während man ja beschäftigt ist auch beim Führen von einer Gruppe und zum anderen, dass man sich dann wirklich in diesem Moment die Zeit nimmt, dem nachzugehen. Warst du da immer schon so ein bisschen von einem Entdeckergeist getrieben?

Roman Erler: Also ich will jetzt nicht aufzählen, was ich schon alles gefunden habe, ja. Wenn man neugierig ist, wenn man sich im Gelände bewegt, wo sonst keiner hingeht und wenn man sich auch mit Höhlen auskennt, kann man rein schlüpfen und kommt in eine unberührte Welt, wo vorher kein Mensch war. Und das hat natürlich auch was Besonderes, Spannendes. Ich habe zum Beispiel auch schon Bärenknochen bei uns im Tuxer Tal gefunden.

Klaus: Mhm.

Roman Erler: Oder jahrtausende alte Steinböcke, eine Höhle mit abertausenden Calcit-Kristallen, zum Beispiel auch.

Klaus: Spannend. Und was machst du dann mit diesen Funden?

Roman Erler: Ja, was jetzt zum Beispiel was Höhlenknochen, Bärenknochen und so weiter anbelangt, wird das dann einmal gemeldet. In dem Fall bin ich dann ans Landesmuseum herangetreten, hab da angerufen, dann haben die einmal zuerst geglaubt, ich binde denen einen Bären auf. Die wollten mich gar nicht ernst nehmen, mal ganz als erstes. Und mittlerweile sind diese Knochen auch radiometrisch datiert, von Fachleuten untersucht. Und das ist ganz wichtig, wenn man sowas entdeckt, dass man nicht selber da irgendwie in der Euphorie da rumwühlt oder rumgräbt, weil da könnte man natürlich auch einmal was kaputt machen, was für die Spezialisten, für die Ausgebildeten sozusagen interessant ist. Also Finger weg. Vielleicht kurz fotografisch was dokumentieren. Und als Höhlenführer ist man auch dem Naturschutz verpflichtet. Und der beste Schutz ist immer, wenn es sonst keiner weiß.

Klaus: Mhm.

Roman Erler: Es ist einfach so.

Lisa: Du hast gerade gesagt, manche Entdeckungen behält man für sich und andere vielleicht nicht. In diesem Moment, als du die 10 cm breite Gletscherspalte gesehen hast und da reingeleuchtet hast und sich diese Welt dir aufgetan hat, wem hast du denn dann als erstes von diesem Fund erzählt?

Roman Erler: Ja, also generell ist es so, als erstes eigentlich ist immer meine Frau Ansprechpartner und ich habe gesehen da drinnen, das ist wunderschön, aber ich habe nicht daran gedacht, dass wir mal Leute reinführen werden da. Hohlräume meist sind ja generell sehr kurzlebig und damals wussten wir eigentlich noch nicht ganz genau, was da im Gletscher drinnen passiert. Aktuell haben wir einen Vermessungsstand von einem Kilometer, muss man sich auch einmal vorstellen.

Klaus: Und wenn du dich jetzt an den Moment zurückerinnerst, was war jetzt so das erste, was du gesehen hast, wo du reingeleuchtet hast und dann ein bisschen rein, immer weiter reingestiegen bist?

Roman Erler: Also ich hab da aufgebrochen, dann sind dann diese Eisscholpan, sagen wir, diese Eisbrocken nach unten gefallen. Und das war relativ ein kurzer Bereich, wo ich da durch musste, gell. Das waren vielleicht zwei Meter, wo es dann richtig breit geworden ist. Und das erste, was ich da gesehen habe, weil ich zuerst auf dem Bauch auch da rein bin dann, war einfach ein sehr, sehr breiter Hohlraum und in der Mitte unten ein schwarzer Abgrund. Sonst gar nix, ja. Und dann habe ich mich auch dann in die, in die schwarze Spalte da einmal zuerst abgeseilt. Heutzutage ist da elegant eine Brücke drüber, da kommen, also unsere Besucher laufen da bequem drüber. Aber damals war das eben Neuland und als erstes einmal runtergehen, ja, bevor ich da jetzt tiefer rein bin. Wie tief ist die Spalte? Das hat mich interessiert damals erst. Ich habe ja nicht damit gerechnet, dass das dann so endlos weitergeht. Ja, und da unten hatte ich dann festen Boden unter den Füßen, konnte dann eigentlich normal durchlaufen und habe dann einmal den Bereich dann einmal erkundigt, als erstes.

Lisa: Und wie tief war sie dann, die Spalte? Wie weit hast du dich da runterseilen müssen?

Roman Erler: Ja, in dem Fall war das nicht schlimm. In dem Fall waren das, was waren es, Daumen mal Pi, vielleicht 10 Meter.

Lisa: Hui. So, aber jetzt klettern wir kurz raus aus der Gletscherspalte, weil es ist Gschaftlhuber-Zeit, Klaus?

Klaus: Genau, was ist ein Gschaftlhuber? Es ist sowas wie ein Schlaumeier. Und wir haben wie immer für euch kuriose, merkwürdige Fakten zusammengetragen, diesmal aus dem Zillertal. Habt ihr gewusst, dass Elektro-Superstars wie Fatboy Slim oder The Prodigy regelmäßig in Mayrhofen Station machen? Wenn das der Fall ist, dann ist Snowbombing-Zeit. Das findet jedes Jahr im April statt und tausende junge Briten und Britinnen treffen sich dort zum Party machen. Untertags fahren sie Ski und Snowboard. Und am Abend wird gefeiert.

Lisa: Ja, und ich hoffe, alle, die bis spät in die Morgenstunden gefeiert haben, verirren sich am nächsten Tag nicht auf die steilste, die sozusagen schwarzeste Piste des Zillertals, die Harakiri. Also man hört es ja am Namen, ist 78 Prozent steil. Das ist fast so steil wie die Streif. Man weiß, da trauen sich nur die besten Skifahrer der Welt runter. Aber im Zillertal kann man das auch mal ausprobieren. Ich muss dazu sagen, nur was für Könner.

Klaus: Ja, wo wir beim Thema sind, auch das stärkste Festbier des Landes kommt aus dem Zillertal, das Gauderbock mit 7,8 Prozent. Das wird immer im Frühling beim Gauderfest ausgeschenkt und ist sicher auch mit Vorsicht zu genießen.

Lisa: Ein besinnlicheres Fest ist, wie wir wissen, die Weihnachtszeit. Und was viele vielleicht nicht wissen, das berühmteste aller berühmten Weihnachtslieder, 'Stille Nacht, Heilige Nacht', das wurde zwar in Salzburg komponiert, aber natürlich von den Zillertalern weltberühmt gemacht. Die Rainer Sänger sind vor ungefähr 200 Jahren um die ganze Welt gereist mit diesem Lied.

Klaus: Ja und bei Weihnachten, da denke ich natürlich an eine gemütliche, warme Stube. Und, äh, wer es sich richtig gemütlich machen will, der braucht vielleicht ein paar Zillertaler Doggln.

Lisa: Das sind keine Hunde?

Klaus: Nein, das hat nichts mit Dog zu tun. Das ist die Urform des Hausschuhs. Quasi ein Zillertaler Hauspatschen, komplett aus Naturmaterialien. Und die Doggln, die haben es vor einigen Jahren sogar auf die Fashion Week in Paris geschafft.

Lisa: Ja, wenn man sich jetzt ein Bild von diesen Doggln im Internet anschaut oder sie schon mal im Zillertal gesehen hat, der denkt jetzt nicht an die Fashion Week. Aber Vivienne Westwood, die war ja sehr verbandelt mit dem Zillertal, die hat sie dort auf den Catwalk gebracht.

Klaus: Jetzt gehen wir aber wieder zurück in unsere Eishöhle zu Roman Erler.

Lisa: Genau, und wir sagen jetzt vielleicht gleich noch dazu: Gute Schuhe sind wichtig bei diesem Besuch, sonst ist es echt rutschig, aber das liegt auf der Hand.

Klaus: Also keine Doggln anziehen, bitte.

Du hast uns ja schon mal erzählt, dann hast du entdeckt, dass das einfach ein großes System ist und hast da irgendwie auch gedacht, ja, das könnte doch auch touristisch interessant und relevant sein. Wie ist es dann weitergegangen bei dir?

Roman Erler: Also mein erster Gedanke war eigentlich gar nicht, dass man da jetzt eine Touristenattraktion auch draus macht, aber meine Frau, die hat gemeint, das ist so schön, das müssen wir einfach herzeigen. Und damals wusste man nicht, wie lange sowas überhaupt Bestand hat. Und dann haben wir einfach mal geschaut, wie schaut's aus übern Winter. Verändert sich da was? Ist im Sommer da Wasser drinnen? Kann man dann überhaupt noch einmal rein? Wir wussten ja nichts. Ja, wir wussten nicht, dass der Gletscher unten festgefroren ist, zum Beispiel. Wir haben noch nicht gewusst, dass wir da drinnen auch einen See haben. Wir haben nicht gewusst, dass das Ganze so riesig ist. Man hat einfach keine Ahnung gehabt und hat das komplett unterschätzt, was uns die Natur hier eigentlich vor die Nase hergestellt hat.

Klaus: Aber du hast eben schon gewusst, dass es was ganz Besonderes ist.

Roman Erler: Ich habe von Anfang an gleich gesehen, dass das jetzt nicht eine normale Gletscherspalte ist. Das war mir von Anfang an klar. Aber ich selber habe auch nicht gewusst, dass das mal so groß ist. Oder was einmal draus wird. Das hat sich dann einfach entwickelt.

Klaus: Du hast ja vorher schon gesagt, das ganze Höhlensystem ist wahnsinnig gut erforscht. Warum ist es eigentlich wissenschaftlich so interessant?

Roman Erler: Ja, wir haben da schon jetzt einige neue Erkenntnisse und so weiter gewinnen können, ja. Und auch belegen können, zum Beispiel, dass der Gletscher hier unten festgefroren ist. Und aus den Erkenntnissen heraus hat man sich dann schon überlegt, ja, wenn das Eis da unten festgefroren ist, dann muss das eigentlich auch sehr, sehr alt sein. Normalerweise wird man das älteste Eis bei einem Gletscher immer ganz unten finden. Oben entsteht neues Eis, oberhalb der Firngrenze, durch Kompaktion entsteht dann Eis und es rutscht dann schön langsam ins Tal. Und wenn er unten festgefroren ist an seiner Basis, dann war es von vornherein klar, das muss schon einmal sehr altes Eis sein. Und das ist jetzt natürlich eine spannende Herausforderung für uns zu lösen, wie alt ist das Eis jetzt wirklich? Und das geht natürlich auch wieder nur über Fachleute, über Labore. Und so einfach ist es nicht, das Eis bei uns zu datieren, weil wir im Eis einfach nichts drinnen haben, an organischem Material zum Beispiel.

Lisa: Ich kann mich erinnern, als wir gemeinsam oben waren, am Gletscher, hast du uns gesagt, da spricht man von mehrere tausend Jahre, ist es fünf, ist es sechstausend Jahre alt, das habe ich sehr faszinierend gefunden.

Roman Erler: Momentan ist es so, dass wir das noch nicht garantieren können oder es ist nicht bewiesen, dass dieses Eis so alt ist. Aber aus Erkenntnissen eben auch vom Natur-Eis-Palast hat man dann bei anderen Bergen, bei sehr hohen Bergen, auch in flachen Gipfelbereichen, am Ortler zum Beispiel oder an der Weißseespitze im Kaunertal, eine Forschung betrieben. Und dort konnte man definitiv dann auch nachweisen, dass das Eis 5800, fast 6000 Jahre alt ist. Also das älteste Eis momentan bei uns in Österreich liegt im Kaunertal oben auf der Weißseespitze. Und wie alt es bei uns ist, können wir nicht sagen. Ja, es kann natürlich gleich alt sein, es könnte älter sein. Und was uns schon interessiert, ob im, wir nennen das HTM, Holozänen-Temperaturmaximum. Das Holozän ist das postglaziale Nacheiszeit der letzten 11.700 Jahre. Und da stellt sich die Frage, war da oben das Eis komplett weg? Gab es da überhaupt keinen Gletscher mehr? Oder konnte sich dann ein Rest bei uns da noch erhalten? Und das ist momentan nur Spekulation, wir wissen es nicht.

Klaus: 3.220 Meter über dem Meer, 30 Meter unter der Skipiste inmitten eines Gletschers befindet sich ja ein See in dieser Höhle.

Roman Erler: Mhm.

Klaus: Das ist ja eigentlich unglaublich, oder? Gibt es das sonst irgendwo?

Roman Erler: Äh, vielleicht gibt es es, aber wir wissen es nicht. Ja, wir kennen nicht jeden Gletscher und es ist ja nicht ausgeschlossen oder wahrscheinlich auch, dass es ähnliche Situationen auch wo anders geben wird. Dass da oben so tief noch ein See drinnen ist, das haben wir selber eigentlich nicht erwartet. Und in unserem konkreten Fall ist ja der Gletscher an der Basis festgefroren. Dadurch wird er in der Tiefe unten wasserdicht. Normal würde das Wasser eigentlich abfließen. Und auch die Fachleute, die staunen, dass wir das da im Gletscher drinnen haben. Ist nicht nur wunderschön, ist auch hochinteressant. Gerade für Leute, die ein bisschen Ahnung haben.

Klaus: Mhm, und jetzt gerade sowas, man kann drinnen mit dem Schlauchboot fahren, man kann mit dem Stand-Up-Paddel-Boot fahren, es gibt Eisschwimmer, die diesen See nutzen. Also, ähm, ich glaube schon, dass das weltweit wahrscheinlich einzigartig ist, oder?

Roman Erler: Also mir ist nirgendwo bekannt, dass man im Gletscher drinnen mit einem Boot fahren kann. Wir sind auch, wenn man so will, Österreichs oder vielleicht Europa, oder wahrscheinlich mit Sicherheit Europas höchstes Schifffahrtsunternehmen. Die Boote müssen zertifiziert sein. Und bei einer, wir nennen das Standardführung oder Basistour, ist auch die Bootsfahrt mit integriert. Auf dem Boot haben 20 Leute bequem Platz. Und dann gibt es eben noch zusätzliche Angebote, wie zum Beispiel im Stand-Up-Paddeln ist da sehr große Nachfrage, können wir leider Gottes nicht alle bedienen.

Lisa: Mich würde schon auch interessieren, bist du selber schon mal reingetaucht in den Gletschersee?

Roman Erler: Also natürlich habe ich das gleich ausprobieren müssen. Das war ja schon bei der Entdeckung, wie komme ich da jetzt weiter? Und ich muss zugeben, ich habe mir damals einen Neoprenanzug, also einen Canyoninganzug mitgenommen. Und bin da in die Dunkelheit einmal hineingeschwommen. Ich habe mir da einfach so eine Schwimmhilfe auch mitgenommen. Und dann habe ich gesehen, ja Halleluja, das geht ja noch 50 Meter, das geht immer noch weiter. Und dann habe ich aber eigentlich umgedreht. Weil ich war da alleine drinnen, nicht, absolute Dunkelheit. Schwimmst du in dem Gletscher drinnen, 30 Meter, 35 Meter unter der Skipiste. Und da aus der Erkundung, jaja, es geht da noch weiter. Ich brauche aber ein Boot. Und dann haben wir ganz ein kleines, einfaches, aufblasbares Schlauchboot mitgenommen und dann den See einmal bis zum Ende erkundet.

Klaus: Du wischst das immer so weg, so quasi, "das ist ja eh nix Besonderes", aber wenn ich mir das jetzt einfach vorstelle, in der dunklen Eishöhle als Erster da durchzuschwimmen, das ist schon wahnsinnig schneidig einfach. Also woher kommt dieser Mut, glaubst du, bei dir?

Roman Erler: Also wenn man schwimmen kann und ein Neoprenanzug hat, der hat viel Auftrieb, ja, für mich war das eigentlich jetzt keine große Herausforderung. Auch als Kinder sind wir am Bergsee einmal geschwommen und da war ich halt jetzt im Gletscher drinnen, aber stabile Angelegenheit, was soll da passieren? Ich habe sogar ein Neoprensocken angehabt, ja, später dann haben wir dann einmal für die Eisschwimmer das angeboten. Wir haben nicht gedacht, dass es so viele Leute gibt, die das auch machen wollen. Und bei uns trainieren auch Weltmeister. Zum Beispiel der Christof Wandratsch, 20-facher Weltmeister im Eisschwimmen aus Nürnberg. Oder der Josef Köberl, der ist regelmäßig bei uns oben. Und viele machen es aus gesundheitlichen Gründen auch. Eis kann auch heilen. Und ursprünglich habe ich mir gedacht, naja, das wird jetzt ein guter Werbegag oder so mal Eisschwimmen. Wer wird das schon machen? Wir sind davon ausgegangen, dass es eigentlich keiner macht. Aber gerade in der heutigen Zeit, ja, weiß man eben, die Kälte regeneriert den Körper schneller, die Laktate werden ausgeschwemmt, Kälte kann auch als Tonikum wirken, die Leistung steigern, kann für verschiedene Leiden auch auf alle Fälle gut sein. Und klar muss man gesund sein. Also die Gäste, die bei uns da rein wollen, die brauchen ein ärztliches Attest, werden dann von uns gut betreut. Und die meisten, die gehen mal rein baden.

Klaus: Du hast ja gesagt, am Anfang hast du gedacht, okay, das ist jetzt eine Eisspalte und die wird irgendwann wieder zugehen. Seitdem sind 15 Jahre vergangen. Und wir wissen jetzt auch, warum die Höhle weiterhin besteht. Dennoch ist es ja so, dass es einfach wärmer wird, dass auch der Hintertuxer Gletscher schmilzt. Wie siehst du eigentlich die Zukunft des Eispalastes?

Roman Erler: Ja, also momentan haben wir sehr ungünstige Wetterphasen, was die Massenbilanz der Gletscher betrifft. Gletscher ziehen sich sehr schnell zurück. Man muss einfach mit der Situation leben. Die Natur wird immer stärker sein als wir Menschen. Und wenn es so ist, Auch wenn jetzt ein Mensch was beiträgt zur Klimaerwärmung und so weiter, was ja unumstritten ist, blutet einem schon auch das Herz, wenn man sieht, wie die Gletscher leiden. Man verliert einfach auch was Schönes, gell?

Lisa: Glaubst du, dass diese Vergänglichkeit der Gletscher, die wir jetzt beobachten, auch einen Teil dieser großen Faszination ausmacht?

Roman Erler: Ja, mit Sicherheit. Ja, wenn man zurückgeht 150 Jahre, das sind in Tirol 170 Jahre, Prozessionen zu den Gletschern haben damals stattgefunden. Man hat gebetet, dass die nicht noch weiter vorstoßen. Damals hat man einfach Angst gehabt vor den Gletschern auch. Aber man war gleichzeitig fasziniert. Man hat nicht gewusst, wie geht es weiter. Heute haben wir den umgekehrten Fall. Aber wie es genau weitergeht, langfristig, das weiß eigentlich keiner so genau. Ja, und ein Menschenleben ist ein kurzes Aufleuchten. Was ist in 50 Jahren, was ist in 60 Jahren, kann man vielleicht noch ein bisschen mutmaßen, wie sich das weiterentwickelt, ja. Aber es ist einfach auch der Lauf der Dinge, gewisse Sachen muss man einfach akzeptieren. Was wir machen können und sollen und müssen, ist einfach ein bisschen umdenken, schonend mit der Natur umgehen, mit den Mitmenschen entsprechend auch. Und schauen, dass wir einfach gemeinsam auf der Welt leben und auch das Klima entsprechend schützen.

Klaus: Ja, das war ein super Schlusswort, also wirklich ein heißer, hahaha, Tipp für alle, die Eishöhle Natur-Eis-Palast am Hintertuxer Gletscher. Es lohnt sich total, dieses Abenteuer mal zu erleben und es ist wirklich für fast jeden und fast jede machbar.

Lisa: Ja, wo sollen wir das nächste Mal hinfahren für unsere Hörausflüge? Wen sollen wir unbedingt treffen? Was sollen wir erleben? Lasst es uns wissen. Schreibt uns eine E-Mail an 'info@tirol.at' oder kontaktiert uns einfach auf unseren Social-Media-Kanälen 'visit.tirol'. Wenn euch diese Episode gefallen hat, vielleicht lasst ihr uns ja auch noch eine Bewertung da.

Klaus: Bevor wir es vergessen, wir sind euch noch eine Lösung schuldig. Unser Dialekt-Quiz. Was heißt Oftang? Oftang ist eigentlich ganz simpel und heißt nur 'dann'.

Lisa: Ja, oftang, bis zum nächsten Mal.

Klaus: Oftang pfiat enk.

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